Das Dorf ist überall

Kennen wir uns nicht alle von irgendwoher? Manche dieser Bekanntschaften sind besonders verrückt.

Ein Dorf ist ein Ort, wo es Aussenseiter nicht leicht haben, dafür sind sie stark, wenn sie es schaffen. Kreisel in Hegnau bei Volketswil. (Foto: Urs Jaudas)

In der Zeitung entdeckte ich das Gesicht von Walter Angst, er kandidiert für den Regierungsrat, es war ein gutes Bild, man sah: ein sympathischer, wacher Mann. Ich kenne ihn, seit er ein kleiner Bub war, ich ging mit seinem Bruder in die Schule, später begegnete ich ihm wieder, weil unsere Kinder den gleichen Kindergarten besuchten.

«Zürich ist ein Dorf», sagte ich beim Frühstück. «Das behauptest du immer», erwiderte meine Frau, «weil du ein paar Figuren des öffentlichen Lebens kennst.» «Nein», antwortete ich, «ich kenne die ganze Familie Angst, ich war in den Ferien mit ihnen, jeden Sommer gingen sie auf eine Alp im Kanton Uri. Und Walter ist nicht der einzige alte Kollege auf den Plakaten.» «Schon gut», sagte meine Frau, «aber politische Kandidaten sind doch ein kleiner Kreis von Menschen mit ähnlichem Hintergrund.»

Sie hatte recht. Aber kürzlich erzählte mir die Mutter einer bald erwachsenen jungen Frau, ihre Tochter habe den Freund nach Hause gebracht, und die ganze Zeit habe sie sich überlegt, woher sie dessen Gesichtszüge kenne. Langsam kam die Erinnerung an Skiferien, an wilde Abfahrten, an einen draufgängerischen Haufen vom anderen Ende der Stadt, unter ihnen der Vater des jungen Mannes, den ihre Tochter nach Hause gebracht hatte. Jeden Winter hatten sie sich eine aufregende Woche lang gesehen, bis sie sich aus den Augen verloren. Und jetzt, dachte sie innerlich leicht errötend, sitzt sein Sohn am Küchentisch.

Zufälle gibts nonstop, das Leben ist eine Zufallsmaschine. Ich habe in der Londoner U-Bahn den Bassisten einer Zürcher Lokalband erkannt, nachdem er 30 Jahre zuvor spurlos nach England abgetaucht war. Da stand er in der Victoria Line, wir sind zu ihm nach Brixton und haben gefeiert. Die Sache ist nur, dass die Art von Zufällen bei uns häufiger vorkommt als in London, eben weil wir ein Dorf sind.

Aber ist es nicht eine Frage der Mentalität, ob man ein Dorf ist? Ein Dorf ist ein Ort, wo es Aussenseiter nicht leicht haben, dafür sind sie stark, wenn sie es schaffen. Wo die Leute erst mal weggehen, wo man sich an Vorbildern von ausserhalb orientiert, bevor man selber Neues wagt. Wo die Menschen nicht offen sind. Ist Zürich ein Dorf? Wenn man mit Freunden spricht, zugewandert aus Deutschland oder Österreich, hat man diesen Eindruck. Ob es in Berlin und Wien anders ist, weiss ich nicht. Vielleicht ist die ganze Welt ein Dorf.

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