Zum Brunch bei Marion

Visavis von der ZB gibt es Le Brunch für 39 Franken. Und ein paar Erinnerungen dazu.

Bei Marion, visavis von der Zentralbibliothek, spiegelt man sich selbst. (Foto: slm)

Wir sitzen am Fenster bei Marion, es ist Sonntagnachmittag, der Frühling kündigt sich an wie jemand, den wir lange nicht mehr gesehen, den wir vergessen haben. Wir sind überrascht. Aber jetzt, da er näherkommt, merken wir, wie sehr wir ihn mochten, immer schon. Wir holen uns Brot, Käse, Minischoggigipfeli und Miniquiches vom Buffet, wir sind ganz entzückt. Kleinheiten in einem sonst so übergrossen, weit aufgerissenen Hunger. Für das Buffetangebot «Le Brunch» zahlt jede von uns 39 Franken, zwei Eier und ein Heissgetränk sind inklusive.

Wir blicken auf die Zentralbibliothek gegenüber, erinnern uns, wie wir dort sassen und versuchten, Sätze zu schreiben, Bücher zu finden, einander einen Platz freizuhalten. Wie wir erfolgreich Kleider online bestellten. In den Saal durfte man keine Taschen mitnehmen, mühsam mussten wir die Bücher, das Handy, den Laptop, das Portemonnaie auf dem Arm tragen, die Wasserflasche jonglieren. Unsere Verrenkungen, als einzelnes erinnertes Bild, stehen für diese Zeit. Wie hineinpassen, wo anpassen, was verpassen? Damals fühlten wir uns sicher. Wir wussten nicht, was alles noch kommt.

Jetzt, bei Marion, reden wir übers Zusammenziehen, gemeinsame Konti. Über Chefs, Beförderungen, den Lohn, die Perspektive. Wir stehen auf, holen uns Nachschub. Etwas zu verdauen gibt es immer. Wir weichen den anderen Gästen aus, stolpern leicht. Immerhin souveräner als auch schon, denke ich, und blicke wieder hinüber zur ZB. Jemand steht auf der Treppe, lehnt sich an die Mauer und hält das Gesicht in die Sonne.

Wenn ich diese Person wäre und zu uns herüberschauen würde, wäre ich wohl sehnsüchtig. Weil ich damals dieses Sehnen hatte. Nach einem Danach, nach Weite, etwas anderem. Und weil ich mir nicht vorstellen kann, wie es ohne solches Sehnen gehen soll.

Jetzt sitzen wir wieder bei Marion. Vor uns auf dem Tisch stehen keine Laptops, nur leer gegessene Teller. Wir müssen nicht bald heim, um zu lernen, wir können sitzen bleiben. Aber weit sind wir trotzdem nicht gekommen. Nur hierher, nach gegenüber. Und das Sehnen lauert verlässlich, an einem Sonntag mehr als sonst.

Bistrot Chez Marion, Zähringerplatz 17, 8001 Zürich. Sonntags «Le Brunch» von 10 bis 16 Uhr, www.chezmarion.ch

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