Wenn die Klischee-Flut kommt

Hört ein Städter den Begriff Agglo, spielt sich reflexartig eine von Vorurteilen geprägte Bildstrecke in seinem Kopf ab.

Städter haben ein ganz bestimmtes Bild von der Agglo. (Bild: Doris Fanconi)

Verändert sich, wer von der Stadt in die Agglo umzieht? Oder anders gefragt: Was macht die Agglo mit ihren Bewohnern? Vor rund zehn Monaten habe ich die Stadt verlassen. Unlängst führte mir ein kleiner Vorfall erstmals vor Augen: Ja, die Agglo macht etwas mit ihren Bewohnern.

Beim Aufräumen fiel mir die inzwischen drei Jahre alte Agglo-Sondernummer des «Magazins für Politische Bildung» wieder in die Hände. Das Magazin ist ein Produkt der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Als das Heft 2016 erschienen war, gefiel es mir. Ich fand es interessant und hob es auf.

Beim Wiedersehen fand ich das Magazin immer noch interessant – aber nicht mehr aus Gefallen, sondern aus Ärger. Illustriert ist das Heft mit einer Fotostrecke. Das Sujetsortiment besteht aus einer überdimensionierten Kunststoff-Bratwurst bei einem Imbissstand, aus einem Betonkübel mit ein paar Blümchen, aus Plastikstühlen, Gartenfiguren (ebenfalls aus Plastik), einer Baustelle, einem Gartentrampolin und einem Schaukelpferd (nochmals aus Plastik).

Die Broschüre zeigt: Das Interessanteste an der Agglo ist nicht die Agglo-Realität, sondern die Vorstellung, die sich der Städter von dieser Realität macht. Der Agglo-Begriff ist ein Knopfdruck-Begriff. Er lässt in den Stadt-Köpfen reflexartig eine Bilderserie abspuhlen – oder besser: Er lässt schlagartig alle Dämme brechen, mit der Folge, dass sich eine Klischee-Flut ihren Weg durchs Hirn bahnt: Imbissstand, Plastikstühle, Gartenfiguren, Trampolin …

Dass sogar aufgeschlossen-kreative, in ihrem Selbstverständnis fraglos superkritische Magazinmacher, die nach allen Regeln der didaktischen Kunst ihr Heft fabriziert haben, Opfer dieses Dammbruchs werden, bezeugt die assoziative Kraft des Agglo-Begriffs. Man liest zwar im Heft, dass es in der Agglo «Gemeinden mit innovativen Wohnkonzepten, sinnvoller Mischnutzung und einem belebten öffentlichen Raum» gebe. Gezeigt werden jedoch: Imbissstand, Plastikstühle, Gartenfiguren, Trampolin …

Vielleicht ist der Umzug in die Agglo vor allem dies: eine Lektion im Vorurteilsabbau. Weil der Neo-Agglo sozusagen am eigenen Leib erfährt, dass zwar kein Klischee grundlos entsteht. Aber genauso wenig ein Abbild der Realität darstellt.

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