Souvenir aus dem Stadthaus

Wie lässt sich ein Vortrag über Religionsstatistik aushalten? Indem man eine WC-Rolle mitlaufen lässt.

Ein Garant für langweilige Anlässe: das Zürcher Stadthaus. Foto: Christian Beutler / Keystone

Am Dienstagabend fand im Stadthaus wieder so ein langweiliger Vortrag statt: «Religionslandschaft der Stadt Zürich». Ich war einer der ersten Besucher und sicherte mir in der Aula den hintersten Stuhl. Studien haben gezeigt: Bei Brand oder langweiligen Reden ist das der beste Platz.

Hier im Stadthaus, im ersten oder zweiten Stock, habe ich vor Ewigkeiten geheiratet. Eine schöne Erinnerung trage ich noch heute im Herzen mit: Die Standesbeamtin gab mir als Souvenir einen schönen Caran-d’Ache-Kugelschreiber auf den Eheweg. Das kostbare Teil konnte ich später auf Ebay gut verkaufen.

Zu Beginn der zweistündigen Veranstaltung langweilte ein Statistiker die Anwesenden mit einer Powerp­oint-Präsentation. Ich wusste: Zwei Stunden werde ich hier nicht verbringen. Ich erhob mich vom Stuhl und suchte nach einem weiteren Souvenir. Doch alle Türen waren verschlossen. Nur die Toilette war offen. Ich fand Vergnügen darin, die letzte WC-Rolle mitzunehmen.

Zurück am Platz. Der Statistiker ­palaverte über die Religionsverteilung innerhalb der Zürcher Quartiere und über das «zunehmende Wanderungssaldo» bei den Römisch-Katholiken in den Jahren 1935 bis 1960. Ich guckte auf die Uhr: 19.20 Uhr. Um diese Zeit funktioniert mein Hirn noch zu 20 Prozent. Für Statistiken ist es zu spät. 

Was Menschen an mir schätzen, ist mein Mut. Nehmen wir mal an, Sie sitzen im Tram neben einem bulligen Typen, der in sein Handy brüllt. Nehmen wir weiter an, der Brutalo zählt auf, wen er heute Abend alles tot­prügeln will. Die Lautstärke und sein Körpergeruch finden Sie nicht so toll. Aber Sie rühren sich nicht.

Ich hingegen bin einer dieser Helden, die den Zweimetermann nun anherrschen: «Du steckst jetzt augenblicklich dein Scheisshandy weg, oder ich schlage dir alle Zähne aus deiner Fresse. Verstanden?»

So war es auch am Dienstag. Niemand rührte sich, als der Statistiker eine Folie nach der anderen einblendete: «Muslime wohnen vor allem in den Kreisen 9,11,12. Juden vor allem im Enge-Quartier und in Wiedikon.»

Niemand stand auf? Nein, einer stand auf. Er ging raus und atmete die kühle Abendluft. Unser Held ging in den Lidl nebenan und wühlte sich durch die billige Käse- und Chipslandschaft.

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