Der Traum vom Rudern 

Mit Rudern wird es wohl nichts mehr werden. Wie mit so vielem im Leben. Jetzt müssen die Kinder ran.

Ruderidylle auf dem Zürichsee. Foto: Chrisitan Beutler / Keystone

An einem grauen Tag im November setzte ich mich zum ersten Mal in ein professionelles Ruderboot. Es war aus hauchdünnem Material, mit diesen Booten ist die Stämpfli-Werft aus Wollishofen einst allen um die Ohren gefahren; im Büro der Traditionsfirma hängen Bilder von Olympiasiegern aus dem vergangenen Jahrhundert. Stämpfli ist ein magischer Ort, wo ein legendärer Sport weiterlebt, wie die Rennbahn in Oerlikon.

Auf meiner Jungfernfahrt begleitete mich einer der Bootsbauer, er hatte am Steg neben der Seerose angelegt. Das Schwierigste war das Einsteigen, das Boot schaukelte auf dem unruhigen Wasser, es war ein Doppelzweier mit Rollsitzen, die Knie zog man unters Kinn und stiess wieder ab, aber Achtung, wenn man ungestüm war, verhedderte man sich mit den Ruderblättern und geriet aus dem Flow. Doch wenn es einmal lief, war es grossartig, so nahe am Wasser, schnell und elegant.

Ein paar Lernstunden noch, sagte mein Instruktor, als wir das Boot in den Schuppen trugen, und ich würde allein hinausfahren können. Das war im November 2017. Seither bin ich nie mehr gegangen. In diesen Winter­tagen schaue ich manchmal über den See und frage mich, ob es jetzt das gewesen ist mit dem Rudern? Es wäre nicht der erste Traum, der platzt, einfach so. Wie der Arabischunterricht, der Fischerkurs, Proust lesen, Klavier üben, Schach spielen, joggen, täglich ins Kino oder rückwärts übersetzen auf den Schlittschuhen.

Keine Ahnung, wo meine Träume hin sind. Zerronnen im Alltag, dabei sind es ja nicht mal richtige Träume. Wir reden nicht vom Haus in Ligurien oder der Reise mit dem Minivan von Kairo nach Kapstadt, sondern eher von guten Vorsätzen, und auch die werden immer bescheidener – Delta fliegen will ich nicht mehr. Jetzt müssen die Kinder meine Träume übernehmen, so ist das Leben nun mal.

«Wähle Russisch als Fremdsprache», drangsalierte ich meinen Ältesten. Bis sich seine Schwester einmischte: «Lass den Jungen in Ruhe, es ist seine Entscheidung.» Aber wenigstens segeln sollten sie lernen, bin ich überzeugt, wenn sie in einer Stadt am See aufwachsen. Oder rudern. Seit ein paar Monaten teile ich mit einem Freund ein Ruderboot, nicht so hauchdünn gefertigt wie ein Renner, aber knackig rot, mit Rollsitz. Es steht keine zehn Meter vom Wasser, auf­gebockt in einem Unterstand der Stämpfli-Werft. Unbenutzt.

1 Kommentar zu «Der Traum vom Rudern »

  • Robert Bätscher sagt:

    Sehr geehrter Herr Gimes. Hatte 40 Jahre ein 27-Fuß- Segelschiff an der Aussenmole des Hafen Willishofen beim Restaurant Seerose stationiert. Nun habe ich im Alter von 77 den Standplatz gekündigt, da mir das Schiff zu viel Arbeit und Kosten ergaben u. rundum meinem Standplatz die Segelfreunde wegblieben. Oft habe ich in der Früh die Ruderer beobachtet, die – im Gegensatz zu den lärmigen Motorbooten – ruhig sowie ohne großen Wellenschlag majestätisch über den Zürichsee gleiten. Wäre das Rudern auf dem Zürichsee für mich noch denkbar? Falls Sie ein Ruderpartner suchen, bin ich gerne dabei. Herzlichst

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