Seit 20 Jahren im Rollstuhl in den Club

Micha Herde mischt sich seit 20 Jahren unters Partyvolk. Auch wenn sich das für ihn umständlicher gestaltet als für andere: Darauf verzichten möchte er keinesfalls.

Foto: Amanda Nikolic.

Micha Herde mag House-Musik. Nicht die mit vielen Vocals, er bevorzugt die minimale Variante. Dafür fährt er vom heimischen Fricktal nach Zürich, um in den Clubs zu feiern. Früher jeden Freitag und Samstag, inzwischen etwas seltener – immerhin ist er keine 25 mehr, sondern 45. Aber auch jetzt gibt er der Versuchung noch zweimal monatlich nach. Das erste Mal war 1999. Damals hat ihm DJ Rolf Imhof an einer privaten Party im Fricktal einen Flyer für seine Partyreihe im Kaufleuten in die Hand gedrückt. Etwas später war er Stammgast an den Fresh-&-Stable-Partys im Club Q.

Micha Herde ist cerebral gelähmt. Er kam zu früh zur Welt und hat bei der Geburt zu wenig Sauerstoff gekriegt. Gehen konnte er nie. Deshalb fährt er nicht gerne alleine nach Zürich, sondern in Begleitung von Kollegen. Oft übernachtet er bei seiner Patentante am Friesenberg. Seine Familie hat seine Leidenschaft stets unterstützt und ihm geholfen, wo es nur ging. Das gilt auch für das Gros des Partyvolks, insbesondere für die DJs, die sich immer freuen, ihn zu sehen. Leider gibt es auch Ausnahmen: Vor einigen Jahren stand er mit seinem Rollstuhl mal vor einer kurzen Toilettentreppe. Da hat ihm ein Security beschieden: Wer alleine in den Club gehe, müsse auch alleine klarkommen. Und dann sei er einfach gegangen.

Allgemein wünscht sich Herde mehr Verständnis vom Sicherheitspersonal: «Es wäre schön, wenn sie mich durch einen Hintereingang einlassen könnten, wenn sie mich in der Schlange vor der Tür sehen. Nicht weil ich bevorzugt behandelt werden möchte: Im Gedränge in einem Rollstuhl zu sitzen, ist sehr mühselig. Auch das Barpersonal denke bisweilen zu wenig mit. Die Tresen seien oft zu hoch für ihn, sodass er sich seinen Drink nicht selber greifen könne: «Es wäre natürlich angenehmer für mich, wenn mir der Barkeeper das Glas in die Hand geben würde, anstatt einen anderen Gast darum bitten zu müssen.» Nicht zuletzt wegen der Reaktion vieler Clubber: Oft würden Feiernde auf ihn zukommen und als Erstes auf seine Behinderung zu sprechen kommen und ihm sagen, wie toll sie es fänden, dass er trotzdem in den Clubs feiere. Das sei bestimmt gut gemeint, aber halt doch etwas anstrengend. Beklagen mag sich Micha Herde über all dies aber nicht, ausser man fragt nach. Andere würden ja auch nicht ständig die schlechten Seiten ihres liebsten Hobbys monieren. Und er sei ja wie alle anderen.