Der zwölfte Mann

Anfang Jahr ist der Kamermann Pio Corradi gestorben. Ein besonderes Erlebnis mit ihm wird in Erinnerung bleiben.

Der legendäre Kameramann Pio Corradi bei der Arbeit im Jahr 2003. (Foto: Bildarchiv Tagesanzeiger)

Das Jahr begann mit dem Tod des Kameramanns Pio Corradi. Wenn man Pio traf, auf der Strasse, im Tram, kam er eben von der Antarktis oder war unterwegs in den Amazonas, oder nach Kanada oder Tibet; es schien, als sei Zürich ein Zwischenhalt für ihn, um ein Glas zu trinken.

Dabei kannte Pio die Stadt genauso gut wie die grosse Welt, die Bars und Kneipen in der Umgebung des Idaplatzes, wo er wohnte, die schrägen Typen aus allen möglichen Milieus. Er wusste, wo die Zocker waren und die Schwarzmarkthändler vor ausverkauften Fussballspielen. Die Leute respektierten ihn, wenn er in einem Lokal auftauchte. Er hörte zu, und wenn es nötig war, hatte er selber ein paar gute Geschichten auf Lager. Aber er behielt sein Urteil für sich, ich wäre manchmal gern in seinem Kopf gewesen, um zu sehen, was er sah.

Kennen gelernt haben wir uns in den späten 90er-Jahren, er hat mir nie gesagt, warum er sich mit mir eingelassen hat; ich war ein Anfänger, und er hatte mit Fredi M. Murer gearbeitet, mit Robert Frank, mit Fischli/Weiss, er hatte «Höhenfeuer» gedreht und «Candy Mountain» und «Ernesto Che Guevara, das bolivianische Tagebuch». Vielleicht war es der Fussball – unter seinen 100 Filmen gibt es meines Wissens sonst keinen über Fussball, vielleicht gefiel ihm unsere Idee, den jugoslawischen Bürgerkrieg über den Fussball zu erzählen; die Nationalmannschaft war wie das Land auseinandergebrochen, aber die Stars spielten noch verstreut in halb Europa, Prosinecki in Zagreb, Savicevic bei der AC Milan, Suker bei Real Madrid. Und Ivica Osim, ihr legendärer Trainer, war in Österreich. Mit den Fussballern wollten wir über den Krieg reden, der in frischer Erinnerung war.

Im Januar 1998 fuhren wir los, nach Parma, zu einem Auswärtsspiel der AC Milan. Es war bitterkalt, Pio rannte während 90 Minuten der Seitenlinie entlang, die Kamera auf der Schulter, ohne Handschuhe. Wie im Rausch, mit dem Ausdruck eines grossen Buben. Er konnte nicht anders, die Scheinwerfer in der nebligen Nacht, die Nähe zum grossen Fussball, er war der zwölfte Mann auf dem Platz. Die Verantwortlichen verwarfen die Hände, irgendwann liessen sie ihn machen. Das war die Direktheit, die Pio suchte, mit seiner unglaublichen Kraft. Wenn er sie fand, wurde es intensiv, wie Musik, wie ein Gedicht, der Corradi-Moment, ich habe ihn immer wieder erlebt. Ich werde ihn vermissen. Trauriger Jahresanfang.

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