Plötzlich schämte ich mich

Die Erkenntnis des Instagram-Shooting auf dem Friedhof: Tierärzte leben länger.

Das imposante Grab des ehemaligen Bundesrates Robert Haab. Bild: Beni Frenkel

Am Sonntag war ich im Friedhof Manegg zwecks Instagram-Fotos. Ich stellte mich also so hin und machte Kussmündchen, da fiel mir plötzlich auf, dass ich auf dem Grabfeld eines «Dr. med.» stand.

Ich wählte das «Oh, my God»-Icon und hüpfte auf die Seite. Zum Glück sah mich niemand. Nur eine ältere Frau lief mit ihrem Hund an mir vorbei. Ich suchte eine andere Location und hielt Ausschau nach attraktiven Gräbern. Während ich so durch die Grabreihen lief, entdeckte ich viele Grabsteine von Medizinern oder Juristen. Ich habe nicht alle Gräber des Friedhofs Manegg inspiziert, aber anscheinend sind das die einzigen akademischen Titel, die in Grabsteine gemeisselt werden dürfen.

Bei Ärzten kann ich den Hinweis verstehen. So wissen wirklich alle, dass kein Termin mehr frei ist. Aber Juristen? Was interessiert mich, ob der Tote Jura studiert hat?

Ich bin dann noch auf ein zweites Rätsel gestossen. Die hier bestatteten Ärzte sind nicht besonders alt geworden. Zumindest nicht so alt wie die Juristen. Nur einen Arzt habe ich ausfindig machen können, der über 80 Jahre alt geworden ist. Aber das war ein Tierarzt.

Ich lief weiter. Ein imposantes Grab weckte mein Interesse. Und zwar das von unserem unvergesslichen Bundesrat Robert Haab. Er wäre am 8. August 153 Jahre alt geworden. Ich stand ergriffen vor dem Grabstein. Der Sohn von Robert Haab hiess ebenfalls Robert Haab. Wie entkommt man der Bürde, Sohn eines Zürcher Bundesrats zu sein und dann noch den gleichen Namen tragen zu müssen? Die Lösung steht auch auf diesem Grab: «Professor in Basel».

Plötzlich schämte ich mich. Ich laufe da im Friedhof mit meinem Handy herum und posiere für Facebook und Instagram. Dabei steckt hinter jedem Grabstein eine bewegende Geschichte. Mehr Respekt, junger Mann!

Meine Demut wurde noch grösser, als ich hundert Meter weiter am Franzosengrab vorbeilief. Im hellen Stein stehen schwarz die Namen der Gefallenen des Deutsch-Französischen Kriegs (1870/71). Diese Männer wussten noch, warum sie in den Krieg ziehen mussten. Der Krieg endete 2:1 für Deutschland. Ich hingegen verschob meine Wiederholungskurse für jedwelchen Blödsinn. Einer der Gefallenen hiess übrigens Benjamin Weil. Genau wie mein Ururgrossvater.