Niemand weiss, was in Zürich los ist

Theater? Instagram? Die Jugend? Ein Stadt? Zürich? Zu wenig. Zu klein. Wir plaudern viel in diesen Tagen.

«Ja, wir reden über wichtige Sachen», heisst es im Lied – besonders vor Weihnachten. (Bild: Sabina Bobst)

Es wird viel geredet an den Partys und Apéros vor Weihnachten, ein letztes Aufflammen, bevor die Leute abtauchen in den Schoss der Familie, oder in den Schnee, oder nach Marrakesch. «In Wien gibts einen Laden, der nur Brötchen mit Eiern verkauft», sagt jemand, «siehst du, das ist es, was ich meine. Platz für das Schräge, für das Ungewöhnliche, für das Abseitige. Zürich ist keine Stadt.»

«Stimmt», sage ich. «Zürich ist eine optische Täuschung», sagt der Erste wieder. «Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass wir tatsächlich eine Stadt sind, weil unser Kulturprogramm international mithalten kann.» «Wir können uns Kultur kaufen», sage ich. «Genau», sagt der Erste, «Geld ist genug vorhanden. Aber um wirklich eine Stadt zu sein, fehlt Zürich Masse. Zu wenig Menschen. Zu klein.»

Beim nächsten Grüppchen, das herumsteht, wird das Theater verhandelt, in einem guten Jahr kommen die neuen Intendanten ans Schauspielhaus, alles gut, aber wer wird dann noch das Theater besuchen? Bei diesem Überangebot! Und gehen die Jungen überhaupt noch? Den Kinos bleiben sie ja fern.

Überhaupt, was machen die Jungen? Die Instagram-Generation? Werden wir Zeugen eines riesigen Paradigmenwechsels? Zuerst die Kommunikation, dann die Medien, dann die Arbeit, dann die Ernährung – und jetzt die Kultur. Die Digitalisierung fährt wie eine Kettensäge durch die Gesellschaft. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Ist vielleicht so ein Kulturhaus wie das Kosmos die Lösung? Läuft das Kosmos überhaupt? Man hört dies, man hört das. «Du kannst keine Voraussagen mehr machen», meint einer, «die Leute machen, was sie wollen, nicht mehr planbar, niemand weiss, was los ist.»

Ein Haus weiter, an der Bahnhofstrasse, wird im Gebäude der UBS eine neue Bar eingeweiht, und weiter vorne am See, im Quai 61, hat Sami vom ehemaligen Palästinagrill ein Pop-up-Lokal am Laufen, pumpenvoll, die Menschen tanzen wild, Sami lächelt hinter der Theke.

Ein alter Song schwirrt mir im Kopf herum, als wir wieder draussen sind, am kalten Seeufer. «Ja, wir reden über wichtige Sachen», heisst es im Lied «A Dangling Conversation» von Simon and Garfunkel, «mit Worten, die gesagt werden müssen. Was bringt eine Psychoanalyse? Und ist das Theater wirklich tot?»

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