Die grösste Angst des Städters

Zwischendurch ist es ganz schön, die Agglo zu besuchen. Hauptsache, die Reflexe der Stadtleute funktionieren noch.

Den letzten Zug zurück in die Stadt verpasst? Pech gehabt in Uetikon am See. (Archivbild: TA)

Das Grossraumbüro muss auch mal raus. Und so waren wir neulich in einer schönen Seegemeinde (nein, nicht Adliswil) zu einem ungezwungenen Abend eingeladen. Es war famos! Es gab Würste aus St. Gallen, Bier aus Winterthur, Weisswein aus Italien, Senf aus Frankreich und famose Patisserie aus Uetikon am See selbst. Zum Glück geht so ein Amaretti immer, ein Schokolade-S bekanntlich auch. Alleine dafür würde es sich lohnen, ein bisschen mehr in die Agglo rauszufahren.

Es war zwar friedlich, aber nicht besinnlich. Das Grossraumbüro sass dicht gedrängt an einer langen Tafel, die Damen und Herren Journalisten parlierten laut, es wurde gelacht und manchmal auch gegrölt (das war aber vor allem am anderen Ende des Tischs der Fall). Irgendwann waren sie alle satt und angeheitert, manche von ihnen auch ein bisschen angesäuselt. Eigentlich die meisten von ihnen – mit gutem Grund: Sie kamen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (einer kam zu Fuss). Ist ja auch praktisch mit dieser S-Bahn, in nur zwanzig Minuten ist man vom Hauptbahnhof draussen in der Agglo.

Die Stimmung war gelöst, manchmal ausgelassen (auch das war aber vor allem am anderen Ende des Tischs der Fall). Die Zeit verging im Nu, das ist immer ein gutes Zeichen, aber mit einem Mal wurden immer mehr Smartphones gezückt. Hätte man auf die Bildschirme geschaut: Am meisten konsultiert wurde wohl die SBB- sowie die ZVV-App. Die Gastgeber mussten mehrfach und ausführlich die Frage beantworten, wie lange man denn zu Fuss bis an den Bahnhof habe. Sicher, es geht nur bergab, klar, der kleine Weg führt quasi direkt in der Falllinie zum Bahnhof. Aber nur sieben Minuten? Das wollte dann doch niemand glauben. Google Maps meinte sogar, fünf Minuten reichen – aber auch das schien im Moment niemandem realistisch. Und so stand fast das ganze Grossraumbüro viel zu früh am Bahnhof. Dort traf es auf eine 18.-Geburtstag-Festgesellschaft. Die vertraute offenbar auch nicht auf Google. Gemeinsam fror man minutenlang, bis die S-Bahn einfuhr. Mit zwei Minuten Verspätung.

Das Beispiel zeigt: Die Reflexe des Städters, die sind immer noch intakt. Seine grösste Angst ist, nicht mehr wegzukommen. Hängenzubleiben. Dafür nimmt er in gewissen Situationen auch kalte Füsse und ein kleines bisschen Unfreundlichkeit gegenüber den Gastgebern in kauf.

7 Kommentare zu «Die grösste Angst des Städters»

  • Andreas Graf sagt:

    Blogs rufen doch eigentlich nach Kommentaren. Wenn da über Tage kein einziges Feedback erscheint, kann es daran liegen, dass der Blogpost banal oder langweilig oder miserabel formuliert war. Oder es könnte auch daran liegen, dass einer der Journis von der Zeitungsredaktion zum Blog schreiben verknurrt wurde und nicht wirklich Lust dazu hatte. Ergo lässt er die Leserkommentare einfach links liegen und die Kommentarspalte bleibt gähnend leer. Oder – last but not least – der Blogger stellt an die Qualität der Leserkommentare derart hohe Ansprüche, dass keiner die hohe Hürde in die Kommentarspalte schafft. Also, Herr Brusa, woran liegt es, dass hier nur gähnende Leere herrscht?

  • Adriano Granello sagt:

    Jahresend-Geschäftsessen, vom Chef persönlich angeordnet, sind nur selten wirklich vergnüglich, egal ob sie im Herzen der Grossstadt Zürich, zum Beispiel in der Commihalle, oder irgendwo in ihrem Speckgürtel, zum Beispiel in Uetikon am See, stattfinden. Allgemeine Heiterkeit als Pflicht, verbunden mit meist mittelmässiger Kulinarik, lassen an solchen Anlässen den Drang nach Heimkehr im Laufe des Abends ins fast Unerträgliche anschwellen. Und steht die Erlösung in Form einer „zwingend“ wahrzunehmenden S-Bahnverbindung endlich bevor, kann ausser dem Chef und seiner Sekretärin niemand mehr am Ort des heiteren Zusammenseins gehalten werden. Für dieses herrliche Freiheitsgefühl nimmt jeder gerne das bisschen Warten in der Kälte am Bahnsteig in Kauf, egal ob Städter oder Agglo-Bewohner…

  • Christian Rentsch sagt:

    Mit einem Wort: Blabla-Journalismus!

  • fufi sagt:

    Oh my god!

    Zum Glück hat sich niemand in der Agglo verlaufen oder verspätet.
    Und alle haben wohlbehalten in ihr urbanes Ghetto zurückgefunden.
    Bedenkt deshalb auch:
    Kommt NIE, NIEMALS zu uns auf’s Land.
    DA ist’s nämlich noch VIEL, VIEL gefährlicher.
    Es soll nämlich schon welche gegeben haben, die, nachdem sie mal auf dem Land waren, schon grad gar nicht mehr zurück wollten, in ihr urbanes Ghetto!

    GRINZ!

  • Alejandro Romero sagt:

    Schon blöd wenn man als Städter ideologisch bewusst aufs Auto verzichtet. Die werten Herren und Damen Journies oder für was auch die da immer sonst fett in Grossraumbüros, bestimmt über 4000 pro Monat verdienen, könnten sich längst ein Auto leisten. Das ist denen aber zu uncool. Lieber für teure Mieten oder Eigentum im schicken Loft oder Altbau verschwenden, sich ein Flexi, Designvelo, Biofood, 3 Kinderwunsch, Designmöbel und Kunst, Kultur und Partykonsum leisten und mit redesignten Vintagekleidern und Velo den armen Studi spielen. Da man noch trotzdem Übriges hat, wird das dann für den Ökofundamentale Stiftungen, NGOS oder Tierschutz statt armen Menschen direkt gespendet. Solche mag ich sehr.

  • Remo Kiebele sagt:

    „Die grösste Angst des Städters“; könnte auch die Angst vor dem Verhungern sein (unterbewusst). – Ich zweifle daran, dass man mit Urban-Farming eine ganze Stadt versorgen könnte.

  • Heinrich Blatti sagt:

    Bei mir ist es gerade umgekehrt. Wenn ich mal in die Stadt muss, was Gott sei Dank sehr selten vorkommt, ist es für mich das Schönste, mit meinem Auto – sicher nicht ÖV – den Bellevueplatz hinter mir zu lassen und in die steuergünstige, politisch rechts stehende Goldküstengemeinde zu fahren.

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