Endlich mal Dampf ablassen im Tram

Endlich mal einer, der sich zur Wehr setzt. Unser Autor verbrüdert sich mit dem Trampiloten.

Nur wenige Trampiloten wissen sich zu wehren, findet unser Autor. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Mein Lieblingsplatz im Tram ist vorne. Ich gucke den Trampiloten bei ihrer Arbeit zu und staune, wie sie heil durch Zürich kommen. Wenn ich bei der Arbeit eine Datei nicht finde, schreie ich herum und zertrümmere Bleistifte. Meine Arbeitskollegen kriegen Angst vor mir und flüchten unter den Tisch. Aber die Zürcher Trampiloten fluchen anscheinend nie. Sie lassen grosszügig ein Auto durch oder warten ewig lang auf die alte Omi. Und häufig wünschen sie den Passagieren noch einen wunderschönen guten Morgen und rattern alle Tramlinien runter, die das Central bedienen: «Sie haben Anschlussmöglichkeiten auf die Tramlinien…»

Aber neulich sass ich im Tram und erlebte endlich einmal einen Tramchauffeur, der mir sehr ähnlich ist. Nennen wir ihn Ruedi. Es war Abend, und das 7er-Tram war bereits supervoll. Beim Bahnhof Enge warteten etwa 100 Menschen. In der «Sänfte» befanden sich bereits fünf Kinderwagen. Die Babys schrien sich ihre Lungen aus dem Hals. Ruedi wartete eine Minute lang. Jemand blockierte die Türe. Ich sah, wie Ruedi die Faust ballte. Er brüllte durchs Mikrofon: «Bitte endlich die Türe schliessen!» Dann fuhr er mit einem so starken Ruck los, dass die Menschen fast auf den Boden fielen.

Ruedi schien mir sympathisch. Bei der Schulhausstrasse wollte dann ein Volvo XC70 einfach in die Seestrasse abbiegen. Aber Ruedi, mein Held, klingelte so heftig, dass die kleine Frau hinter dem Lenkrad erstarrt auf die Bremse trat. «Bravo!», wollte ich rufen, aber traute mich doch nicht. Endlich ein Tramchauffeur aus Fleisch und Blut. Bei der Haltestelle Brunaustrasse sahen Ruedi und ich, wie ein Anzugträger hastig auf dem Billettautomaten herumdrückte. Wir warteten, bis das Ticket rausflutschte und der Anzugträger auf uns zurannte. Ruedi und ich guckten gespannt in den Rückspiegel. Genau in dem Moment, in dem der Typ auf den Türknopf drückte, fuhren wir los. «Super», jubelte ich. Genau so muss man sich manchmal wehren.

Als wir dann beim Ende unserer Fahrt ankamen und bei der Endstation Wollishofen einfuhren, wollte ich Ruedi um den Hals fallen oder zumindest ihm meine Anerkennung aussprechen. Doch Ruedi stürmte aus dem Tram und rannte zur Toilette. Ich guckte ihn mit offenem Mund zu. Ruedi muss Frenkel heissen! Ich habe nämlich auch so eine verdammt schwache Blase.

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