Heimelige Hochhäuser

In 100 Jahren werden unsere Hochhäuser idyllisch wirken, putzige Altstadthäuser aus dem frühen 21. Jahrhundert.

Sie lassen das Herz jubeln: Riegelhäuser wie hier in Marthalen. Foto: Gaetan Bally / Keystone

An diesem kleinen Platz ist Urdorf, was sein Name verspricht: ein urtümliches Dorf. Ein Bauernhaus mit Scheune, Baujahr 1880, ein Riegelhaus mit tiefgezogenem Dach, ein hübsches Wohnhaus mit gedrechselter Holzfassade. Ein Stück Dorf von früher eben.

Das Ur im Dorf hat zwar nichts mit urtümlich zu tun, sondern mit einem Stier, den die Gemeinde auch im Wappen trägt. Aber darum geht es jetzt nicht. Sondern darum: Eben bin ich mit dem Velo durch das gefahren, was man gemeinhin als typisch Agglo bezeichnet. Durch eine durchaus gepflegte Agglo übrigens. Sie hat mich optisch trotzdem kalt gelassen. Ich radelte einfach so dahin. Doch dann kommt dieser Platz mit den drei historischen Gebäuden und das Auge fokussiert, das Hirn schaltet auf Empfang, Emotionen und Erinnerungen fluten.

Ich frage mich, weshalb ein urbaner Mensch, noch mehr ein Agglo-Mensch wie ich, beim Anblick solcher Relikte historischer Ortsbilder derart positiv berührt wird. Weil damals das Dorf noch Dorf war? Und folglich die Welt noch überblickbar war? Weil alte Häuser behäbig und stolz waren, während neue Häuser funktional und beliebig sind? Sind sie das?

Dann frage ich mich weiter, was wohl die Menschen in hundert Jahren beim Anblick unserer Hochhausquartiere empfinden werden. Werden sie dann diese heimelig finden, weil sie von früher sind? Ausgeschlossen ist es nicht: Erstens beschleicht mich bereits heute ein leicht sentimentales Gefühl, wenn ich durch eine in den 1960er-Jahren gebautes Mehrfamilienhaus-Quartier spaziere. Auch erinnere ich mich an ein Hochhaus, das wahre Fotoorgien auszulösen pflegt, auch bei Europäern, (auch bei mir); nicht weil es so hoch, sondern weil es so schnuggelig ist: Es steht an der Kreuzung Fifth Avenue, Broadway, 23rd Street und wird im Volksmund liebevoll Bügeleisengebäude genannt, Flatiron Building. Es schien damals, im Jahr 1902, als es gebaut wurde, mit seinen 22 Stockwerken gewiss riesig! Ein Turm. Und wirkt jetzt in diesem Umfeld der New Yorker Skyline zierlich, hübsch, liebenswert.

So gesehen ist es genau richtig, was die Stadtzürcher derzeit machen, zum Beispiel mit den Türmen beim Stadion: Einfach immer höher bauen! Dann wirkt dereinst der Primetower als heimeliges Hochhaus und der Platz rundum als idyllische Altstadt von Zürich West.

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