K wie Krätze

In der Schule der Tochter geht die Kräze um. Ein schlechter Zeitpunkt für einen Schulbesuch.

Schutzanzug für eine Sondermülldeponie: So könnte man zur Schule gehen. Foto: Gaetan Bally/Keystone

Letzte Woche war Besuchstag im Schulhaus. Meine Tochter hat es momentan nicht einfach mit mir. Sie findet mich vor allem: peinlich. Wie ich esse, wie ich mich anziehe, wie ich aussehe: einfach nur peinlich. Wenn ihre Freundinnen sie besuchen, würde sie mich am liebsten auf den Balkon sperren. Daran schuldlos bin ich nicht. Ich grüsse ihre Freundinnen immer mit dem falschen Namen.

Ich durfte einer Unterrichtsstunde darum nur unter der Bedingung zugucken, dass ich mich unsichtbar verhalte. Schade, denn eigentlich wollte ich mich am Besuchstag als Prinzessin verkleiden und entzückt herumkreischen: «Ja, wo ist denn mein kleines Töchterchen? Ja, hat sie denn schon ihr Bäuerchen gemacht?»

Aber so machte das keinen richtigen Spass. Zumal wir ein Informationsschreiben erhalten haben, dass an unserer Schule offenbar die Krätze herumgeht.

Im Keller habe ich immer noch einen ABC-Schutzanzug und eine Schutzmaske. Wenn ich die am Besuchstag anziehe, kriege ich keine Krätze, dachte ich mir. Andererseits bereitet mir vor allem das Atmen unter der Schutzmaske grosse Übelkeit. Mein Röcheln unter der Schutzmaske erinnert entfernt an Alterssex. Das will ich meiner Tochter nicht antun.

Ich setzte mich also ganz hinten an die Wand und versuchte so neutral zu wirken wie möglich. Ausserdem hoffte ich, durch den Sicherheits­abstand keine Krätze zu bekommen. Die Lehrerin nahm gerade das Thema Medienkompetenz durch. Ich lernte, dass man nicht auf jede Seite klicken soll, die angeboten wird.

Während sich die Kinder Medienkompetenz aneigneten, machten ihre Eltern viele Fotos von ihnen. Ich dachte mit Schrecken an mein Handy. Hoffentlich ruft jetzt niemand an, betete ich zum Lord. Ich weiss nämlich nicht, wo man bei dem blöden Ding drücken muss, damit der Rufton lautlos wird. Die Lehrerin erzählte von Internetseiten, die man nie besuchen darf, weil dort Sex angeboten wird. Ich guckte die aufmerksam zuhörenden Mütter an und fand viele von ihnen äusserst adrett. Zum Glück hatte ich die Schutzmaske nicht an, freute ich mich. Die Brillengläser unter der Maske laufen in zehn Sekunden an.

Aber wie schon vor 30 Jahren traute ich mich nicht, das andere Geschlecht länger als zwei Sekunden anzustarren. Diese Kompetenz hätte ich gerne.

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