Ja oder nein? Egal

Diktatorische Regimes missbrauchen den Fussball. Das machte die Entscheidung zum Hardturm so schwierig.

Ewiges Leiden: das Hardturm-Areal in Zürich-West. Foto: Walter Bieri/Keystone

Am Sonntag schloss das Stimmlokal um 12 Uhr. Wir hatten den ganzen Morgen über das Stadion diskutiert, meine Frau und ich waren hin- und hergerissen, die Kinder dafür. Um halb zwölf sagte ich: «Es hat keinen Sinn. Wir schreiben einmal Ja und einmal Nein.» Beim Anstehen vor der Stimmabgabe merkte ich, dass sich andere auch schwergetan hatten. Der Trend vor dem Schulhaus Lavater ging zwar Richtung Stadion. Aber es war ein halbherziges Ja, mit Vorbehalten. Und als ich die Abstimmungsergebnisse im Radio hörte, wurde mir klar: Mit einem Nein hätte ich leben können.

Bloss weil wir jetzt das Stadion haben, sind die Gründe für das Nein nicht aus der Welt geschafft. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um die Bürgerpflicht, jeden Quadratzentimeter städtischen Bodens gegen Spekulanten und Immobilienhaie zu verteidigen. Mir geht es auch um den Fussball. Klar, der war immer schon ein schmutziges Geschäft. Fussball hat immer schon Leute mit Geld und Macht angezogen. Die Zürcher Grossbürger finanzierten die Grasshoppers, Privatbankiers Servette Genf, die Basler Chemie stützte den FC Basel, und der Geheimdienstchef der DDR machte Dynamo Berlin zum Dauermeister. Aber heute hat der Einfluss der Geldgeber eine neue, unvorstell­bare Dimension angenommen. Und Zürich ist mittendrin.

Ich lese nicht jede Enthüllung von Football Leaks. Aber so viel habe ich verstanden: dass der internationale Fussball, der grosse Fussball, unterwandert worden ist. Von Staaten wie Katar, Saudiarabien und den Arabischen Emiraten. Dass die Fifa innerlich ausgehöhlt wird, dass sich oben beim Zoo der Hauptsitz einer Vereinigung befindet, die daran ist, aus dem Fussball ein politisches und finanzielles Instrument von diktatorischen Regimes zu zimmern.

Zürich schaut zu. Mehr noch: Zürich verdient mit. Restaurants, Hotels, die Tourismusindustrie. Und Zürich ziert sich mit einem Museum, das die Fifa feiert. Stellen wir uns vor, die Mafia hätte in Zürich einen Versammlungspalast, wo sie über die Verteilung der Territorien und der Beute diskutieren würde, wie in jenem Grandhotel in Miami, das im Film «Some Like it Hot» verewigt wurde. Würden wir zusehen? Wahrscheinlich nicht.

Darum haben wir mit Ja und Nein gestimmt. Man soll nicht päpstlicher sein als der Papst, am Schluss sind alle mit allen verhängt: Die Show muss weitergehen. Aber trotzdem.

7 Kommentare zu «Ja oder nein? Egal»

  • Tobias Jordan sagt:

    Das Stadion hat mit der FIFA so gut wie nichts zu tun.

  • tigercat sagt:

    Das dürfte ja wohl ein Wunschtraum bleiben, dass entweder der FCZ oder GC jemals ins Visier eines arabischen oder russischen Grossinvestors geraten könnte. Diese Überlegung grenzt geradezu an Grössenwahn.

  • Domenico sagt:

    Meine Güte, ich bin zahlender Abonnent dann werden mir solchartige Artikel vorgelegt…..

  • Nibel Wertmann sagt:

    Zürich mag bei all diesen Skandalen mittendrin stehen, allerdings nur weil die FIFA hier ihren Sitz hat und davon hat weder der FCZ noch gc etwas. Gerade kleinere Vereine sind die Leidtragenden von den Machenschaften, die Football Leaks aufgedeckt hat.
    Genau deshalb wäre es wünschenswert, dass sich in Zürich mehr Leute für lokalen Fussball interessieren und ins Stadion gehen, anstatt am TV Bayern oder Barca zu schauen. Egal ob im Letzi oder in der CS-Arena.
    Es gab genügend gute Gründe, gegen Ensemble zu stimmen. Ihrer ist keiner.

    MfG, ein Nein-Stimmer

  • David sagt:

    Meine Beobachtung war: Nicht so fundamentalistische Linke, die mit Fussball nichts am Hut haben, waren plötzlich bereit kompromisslos gegen Spekulation zu sein und nein zu sagen (nicht wegen der Abscheu von Unterschichtsgepööbel – nein das nicht). Dem gegenüber waren fussballinteressierte fundamentalistische Linke diesmal eher bereit Kompromisse einzugehen und ja zu sagen (ok. dann das die CS spekulieren – Hauptsache ein cooles Stadion kommt). Je nach Nähe zu einem Architekturstudium war das dann noch mit mehr oder weniger Zahlenspielereinen (Voodoo) und Benchmarks garniert. Und meine letzte Beobachtung war, dass Linke die nein sagten extrem überzeugt waren und mit konstantem Redeschwall sicherstellten, nichts anderes hören zu müssen.

  • Fritz Meyerhans sagt:

    Wenn man nicht weiss was stimmen, legt man meiner Meinung nach leer ein.

  • Karl-Heinz sagt:

    Warum haben diktatorische Regimes eine Chance für ihr Treiben? Wegen der Gier ihrer Sklaven. Niemand ist verpflichtet, seine Seele an Katar oder Saudi Arabien zu verkaufen. Dann spielt man eventuell eine Klasse tiefer, das Volk hat auch Spaß und eigene Leute kommen eher zum Zug. Aber die Gier, ja, die Gier.

Kommentar

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