Zuckende Gestalten

Auf der Bahnhofstrassen tanzten junge Menschen, auf dem Balkan waren junge Männer aus halb Europa bereit, für einen blutigen Nationalismus zu sterben. Es war eine wahnsinnige Zeit.

Der Rhythmus fuhr in die Beine: Die erste Street Parade im Jahr 1992. Bild: Keystone

An einem Samstagnachmittag im September 1992 fand die erste Street Parade in Zürich statt, sie nannte sich «Demonstration für Liebe, Friede, Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz». Ein paar Tausend Menschen tanzten durch die Innenstadt, viele trugen weisse Handschuhe. Am Paradeplatz lief ich ihnen über den Weg, ich wollte eine Windjacke kaufen, weil ich am nächsten Tag für eine Reportage nach Kroatien und Bosnien fuhr, wo gerade Krieg herrschte.

Ich blieb erstaunt stehen, der Rhythmus fuhr in die Beine, aber ich hatte keine Ahnung, was hier abging. Unterwegs auf dem Balkan dachte ich manchmal zurück an die zuckenden Gestalten auf der Bahnhofstrasse, an die Verstärker auf den Lastwagen, wie sie die Tanzenden durch die Stadt zogen, an die magische Choreografie der Handschuhe. Es war das Gegenteil der Magie, die von den Gewehren auf die Freiwilligen ausging, denen ich in Ex-Jugoslawien begegnete. Junge Männer aus halb Europa, die bereit waren, für einen blutigen Nationalismus zu sterben. Es war eine wahnsinnige Zeit, ziemlich aus den Fugen.

Unter den Ravern habe ich später nie Fuss gefasst, irgendwie hatte ich die Initiation mit den dazugehörigen Drogen verpasst. Doch als Beobachter spürte ich an den Partys die Stimmung, den hypnotischen Bann, der von der Musik ausgeht, eine kreisende Sonne, eine Energie, die durch alle Körper fliesst, ungeachtet der Sorgen, der Einsamkeit.

Wer die Nächte damals als junger Mensch durchgetanzt hat, den lässt die Erinnerung nicht mehr los, denke ich. Die Neunzigerjahre begleiten diese Generation ein Leben lang, und gestandene Väter und Mütter unserer Stadt treffen sich traditionellerweise ein paarmal im Jahr in den Alpen zu privaten Grossraves, wo sie aus der Zeit fallen. Die Gesetze des Alltags sind aufgehoben, die familiären Bindungen, alles scheint wieder möglich, und meistens fällt man weich.

Kürzlich war ich an einer Geburtstagsfeier, mehrheitlich Kinder der Technozeit – jetzt haben sie selber welche. Und je länger der Abend dauerte, desto raviger wurde es. So geht es wahrscheinlich jeden Samstagabend in Wohnzimmern und Clubräumen der Stadt, nachdem die Kinder bei den Grosseltern abgegeben worden sind. Alles vibriert. Ich bin auch mitgehopst, mitgereist durch die Zeit, Zaungast der Raver-Generation – während die Sonne kreiste.

1 Kommentar zu «Zuckende Gestalten»

  • Ben sagt:

    Das Groteske am Balkan-Krieg – es ist zwar nicht klar weswegen er in diesem Text überhaupt erwähnt wird, der Balkan-Krieg ist ja auch ein sehr komplexes Phänomen, dass man keines Falles auf obige Einzeilen-Beschreibung reduzieren kann – ist, dass lauter Nationalstaaten entstanden sind, zum Teil wirklich ethnisch klar eingegrenzt, und es dabei so ist, dass man in Europa/EU seit den 90ern die Nationalstaaten überwinden will. Das habe ich nie verstanden. Es gab auch Stimmen aus dem Balkan, welche ein föderales System wie in der Schweiz im Balkan für sinnvoll gehalten hätten. Geopolitisch betrachtet aber hätte ein solches System, der Balkan ist sehr gross, zu viel Macht gehabt ökonomisch wie politisch, und es wäre von anderer Art gewesen, diesen in dieser föd. Form in die EU zu integrieren.

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