Schach ist eigentlich nur Demütigung

Bei meinem ersten Schachturnier habe ich ein Kilogramm Milchschokolade gewonnen. Und dann wurde es brutal, bis ich gegen meinen Sohn zu spielen begann.

War noch am Gabentisch. Bild: Beni Frenkel

Mit zehn Jahren bin ich dem Schachclub Baden beigetreten. Schnell habe ich mich an die Spitze gespielt und an der Bezirksmeisterschaft in der Kategorie Jugend den 8. Platz geholt. Der Sieger durfte als Erster ein Geschenk vom Gabentisch auswählen, dann der Zweitbeste. Ich war schon damals etwas dicklich und aspirierte auf die Riesentafel Schokolade. Und tatsächlich: Ich, Achtbester des Bezirks Baden, trug am Ende ein Kilogramm Milchschokolade nach Hause.

Diesen Erfolg konnte ich leider nie mehr wiederholen. Ein Jahr später fand in Zürich ein jüdisches Schachturnier statt. Mein erster Gegner war ein blinder Mann. Er spielte auf einem Steckbrett und tastete nach jedem Zug die Figuren ab. Auch meine. Dabei kaute er auf Sonnenblumenkernen. Ich nahm mir fest vor, gegen den Blinden zu gewinnen. Schummeln ging leider nicht, da sich eine Traube Schaulustige um unseren Tisch versammelt hatte. Die Sympathie der Zuschauer lag natürlich nicht beim dicken, schwitzenden Jungen, sondern beim armen Blinden. Ich weiss nicht mehr, wie ich gespielt habe. Ich weiss nur, dass ich verloren habe.

Bei diesem jüdischen Schachturnier wurde ich Drittletzter. Immerhin besser als zwei Frauen, die sich nur aus Plausch angemeldet hatten. Als ich vom Gabentisch auswählen durfte, gab es noch drei Schachbücher für Anfänger.

Schach ist eigentlich nur Demütigung. Gegen ein Mädchen im Schach zu verlieren, war damals ähnlich brutal, wie heute von einer Frau beim Velofahren überholt zu werden.

Seit dem jüdischen Schachturnier habe ich nie wieder an einem Wettkampf teilgenommen. Eigentlich bedauerlich, denn ich wohne knapp 50 Meter neben dem Clubhaus des Schachvereins Wollishofen. Das ist einer der grössten Schachvereine der Schweiz. Dafür reichen 120 Mitglieder.

Manchmal spiele ich gegen mich selbst. Ich gewinne immer. Auch mein Sohn hat keine Chance gegen mich. Er wird jedes Mal wütend. Am liebsten koste ich seine Niederlage lustvoll aus. Ich erlege alle seine Figuren, bis er nur noch mit dem König übers Brett irrt. Dann kündige ich ihm an: «In drei Zügen bist du matt!» Er flippt total aus und schmeisst Brett und Figuren auf den Boden.

Ich hätte das beim Blinden auch tun müssen.

3 Kommentare zu «Schach ist eigentlich nur Demütigung»

  • Thomas Hartl sagt:

    Herrlich, das erinnert mich an ein Blitz-Turnier im Schachclub der Firma, als wir nur mit gosser Mühe eine Schlägerei verhindern konnten, weil sich zwei nicht einig waren, ob die Uhr vor oder nach dem Matt abgelaufen ist.

  • Christian sagt:

    Bin ich eigentlich der Einzige, der hier ganz seriös seinen richtigen Namen eingibt? Und dann auch noch die korrekte Mailadresse? Siehe Richtlinien: “ Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht“
    Wer kontrolliert das hier?

  • Max Kravallo sagt:

    Danke Beni, wieder mal grossartig 🙂

Kommentar

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