Fast gratis, so ein Eigenheim

Verlockend wäre es ja schon, einen Kredit aufzunehmen, aber dann beschleicht einen die Teppanyaki-Wok-Pizzaofen-Wohnküche-Erkenntnis.

Verlockend, aber ungesund: Ein Eigenheim. Bild: Urs Jaudas

Sie sind schon sehr verlockend, diese tiefen Hypozinsen. Beinahe Gratisgeld! Mit dem Ersparten und einem entsprechenden Kredit ausgestattet, könnte man sich so viel leisten: eine eigene Wohnung, vielleicht sogar einen Hausteil mit Garten für die Familie. Nicht in der Stadt Zürich natürlich, aber doch in der Umgebung – mit etwas Glück an der Goldküste. Das Beste daran: Weil der Kredit so günstig ist, könnte man beim Innenausbau so richtig aus dem Vollen schöpfen. Mit einem ins Kochfeld integrierten Teppanyaki-Grill in der Küche. Um Crevetten und Rindfleisch zu braten wie beim Japaner im Quartier, aber auch um feine Piadine selbst zu machen. Mit Tomaten, Rucola und Rohschinken gefüllt, sind sie ein warmes Gedicht! Genau wie in der Piadina-Bar beim Hirschenplatz.

Mit einer Power-Induktionszone oder einem grossen Gasbrenner für den Wok lässt es sich für Freunde kochen, das schmeckt dann wie beim Chinesen um die Ecke! Und so ein richtiger Gastro-350-Grad-Pizzaofen (gibt es auf Ricardo occasion ganz günstig!) müsste es dann auch noch sein, weil, sorry, die Pizza vom Lieferservice am Bahnhof schmeckt einfach nach dem Karton, in dem sie geliefert wird, basta! Im Pizzaofen liesse sich auch herrlich Brot selbst backen wie vom Bäcker ennet der Strasse. In die Badi, die dann ja weit unten am See liegt, kommt man mit dem Elektrovelo (und auch, ohne zu schwitzen, wieder rauf!). Zum Konzert in die Stadt gehts mit der S-Bahn oder mit dem Elektroauto, der Strom voll ökologisch vom eigenen Solardach. Das kostet ja auch nicht mehr so viel, seit die Chinesen die Panels bauen und die Kalifornier die schicken Autos.

Und so oft müsse man ja dann nicht mehr raus, sagen mir die Bekannten, die schon hinausgezogen sind in die Agglo oder auf den Zürichberg – besonders, wenn man so eine Teppanyaki-Wok-Pizzaofen-Wohnküche hat. Man sei dann einfach gern «dihei» – zum Wohnen; und auf der Terrasse oder im Garten – zum Grillieren. Ins Kino muss man sowieso nicht mehr, seit es Heimkinoprojektoren gibt. Auch für so einen (4K-Auflösung, Laserlichtquelle) reicht das letzte Ersparte.

Wobei: Vielleicht bleibe ich doch lieber Mieter in der Stadt Zürich – und gesund! Gehe zu Fuss ins Kino, ins Café, zum Bäcker, zum Chinesen und in die Badi mit Freunden. So ein Eigenheim auf Kredit frisst nicht nur das Ersparte weg wie eine hungrige Ratte, es schlägt offensichtlich auch auf den Bewegungsradius. Das erkenne ich jetzt auch ganz ohne den neusten Schrittzähler vom Onlinehändler.

6 Kommentare zu «Fast gratis, so ein Eigenheim»

  • Doris sagt:

    Mit Eigenheim weit ausserhalb sieht man bald nicht mehr über das eigene Gärtli hinaus – selber erlebt und nun wieder zurück in der Stadt fühle ich mich wieder lebendig wie eh und je. Kulturelle Anlässe und sonstige Anregungen sind einfach hier unendlich, wenn man das sucht wie ich. Schätze die gewisse Anonymität, aber mit wirklich guten Nachbarn im Haus schaut man gut zueinander, auch in der Stadt.

  • Thomas Stäubli sagt:

    Mein lieber Ex-Mit-Hopro-Schulkollege Lorenzo: Wenn Du Dich so intensiv mit einem Eigenheim mit Garten und Pool beschäftigst, so scheint es Dir zu fehlen. Mit dem Artikel betreibst Du öffentlich Psychotherapie, Du versuchst Dir den Traum selber auszureden. Das funktioniert nicht. Kauf Dir so ein Haus! Am besten in Herrliberg, da wirste auch noch vom politischen Geist der Freiheit infiziert.

  • Oliver Kuhn sagt:

    Mieten hat noch einen weiteren Vorteil man ist nicht ab von der Welt. Wer sich nur um das Eigenheim dreht hat irgendwann eine verschobene Wahrnehmung.

  • Christian Baum sagt:

    Herrlich auf den Punkt gebracht!

  • Daniel Spörri sagt:

    Super Artikel! Gratuliere.

  • Nadine Binsberger sagt:

    Vielen Dank, sehr schön geschrieben – ein Genuss!

Kommentar

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