Wie langweilig ist Zürich?

Passiert in der Stadt wirklich so wenig? «Die Welt passiert», sagt unser Kolumnist.

Manchmal erscheint Zürich langweilig, selbst am Zürfäscht. Bild: Raisa Durandi

Kürzlich war ich essen mit einem Zürcher Journalisten, er arbeitet im Lokalressort einer grossen Zeitung. Irgendwann beim fünften Bissen Ravioli – fatti in casa – sagte er: «Seit zehn Jahren bin ich Lokaljournalist. Zehn Jahre meiner späten Jugend. Was ist passiert in dieser Zeit? Etwas Sensationelles? Etwas Bedeutendes? Wenn ich ehrlich bin: nichts

«Du vergisst etwas», sagte ich. «Der FCZ schlug die AC Milan. Eins zu null. Auswärts in San Siro. Vor neun Jahren, am 30.9.2009.» – «Im Ernst», sagte der Kollege, «wann hatte ich das Gefühl, jetzt ist etwas Wichtiges geschehen, wenn ich ausgerückt bin? Beim grossen Sieg der Linken, nach den Wahlen in diesem Frühling? Nicht wirklich. Den Grossbrand am Bahnhofplatz habe ich verpasst. War in den Ferien.»

«Der Grossbrand ist für dich ein bedeutendes Ereignis?», fragte ich. «Ich bin Lokaljournalist», sagte er. «Das muss wahnsinnig gewesen sein, ein Riesenfeuer direkt am HB.»

Früher sorgten die Jugendbewegungen dafür, dass etwas passiert. Sie prägten die Stadt, ungefähr im Zwölfjahrestakt, die Globusunruhen 1968, der Opernhauskrawall 1980, die Besetzung des Wohlgroth-Areals 1991. Die Jugendproteste gaben eine Zeitrechnung vor: die 68er-Generation, die Generation der Bewegten, die Wohlgröthler. Dazwischen, generationenübergreifend, gab es die zehn Jahre der Junkies, auf dem Platzspitz, beim Bahnhof Letten. Diese Ereignisse bestimmten den Kalender des Zeitgeistes. Sie beeinflussten das Denken, die Mode, die Themen der Medien.

Aber was ist in den letzten zehn Jahren passiert? Gut, 2008 war die Finanzkrise; es gab Entlassungen, die Banken zahlten jahrelang keine Gewinnsteuern mehr. Und im Jahr 2008 fand die Fussball-Europameisterschaft in Zürich statt, der Hardturm wurde abgerissen, 2008 steht am Ursprung der ganzen Stadionmisere.

«Ist ja ein gutes Zeichen, wenn nichts passiert», räsonierte der Kollege, «dann läufts gut.» Es passiert immer etwas, dachte ich, vielleicht merken wir es nicht, weil es global passiert. Facebook ist passiert, Whatsapp, Twitter, Instagram. Die Leute hocken alle am Smartphone. Sie treiben Sport wie verrückt, essen gesund, rauchen weniger, trinken weniger – und Trump ist passiert. Die Welt gehört immer mehr ins Notizbuch des Lokalreporters. Das ist passiert.

4 Kommentare zu «Wie langweilig ist Zürich?»

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    züri ist nicht unbedingt langweilig-, es ist borniert-bünzlig. das ist meist so, wenn man den permanenten drang hat, sich selber zu feiern.

  • Alejandro Romero sagt:

    Zürich war und wird je länger je mehr zum langweiligen grünen gentrifizierten Dorf, Ballenberg oder zum ideologischen Kibbuz, wenn doch nicht bald dagegen eine Revolte mit Autodemos aus Autokorsos gegen Gentrifizierung und MIV Schikanen ausbricht. Zürich ist zu snobistisch, linksgrünbünzlig Elitär und doch ambivalent Hedonistisch spannend aber nur für die es sich mit den nötigen Beziehungen und dem nötigen Geld leisten können. Diese Stadt gibt sich Ideologisch so Linksgrün Kapitalismuskritisch wo doch nur der kapitalistische Kulturkonsum zelebriert wird Diese Stadt ist wahrlich ein Albtraum.

  • Ali Reza Javidifard sagt:

    Ich teile Ihre Meinung. Siehe den Beitrag von heute im Tagi: blind durch die Stadt – ein selbstversuch 😉

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