So wird man kriminell

Die Absage hat mich total aus der Bahn geworfen. Egal, werde ich halt Enkeltrickbetrüger.

In der Cafeteria des Pflegezentrum Entlisberg kam Beni Frenkel auf die Idee. Bild: Reto Oeschger

Vor ein paar Monaten wollte ich Pflegefachfrau/-mann werden. Ich habe alle Unterlagen eingeschickt, einschliesslich Strafregisterauszug. Im Motivationsschreiben habe ich auf zwei Seiten erklärt, warum ich der beste Pflegefachfrau/-mann bin. Leider hat es nicht gereicht. Ein Schreiben informierte mich, dass meine Qualifikationen für diesen Job nicht ausreichen.

Die Absage hat mich total aus der Bahn geworfen. In Zürich sucht man händeringend nach neuen Pflegefachfrauen/-männern. Sogar Flüchtlinge, Arbeitslose oder SRF-Moderator Patrick Hässig dürfen Pfleger werden. Nur ich nicht.

Am Sonntag bin ich nach langer Zeit wieder ins Pflegezentrum Entlisberg gegangen. Das ist ein Hochhaus in Wollishofen mit einer schönen Cafeteria. Ich habe einen Latte Macchiato getrunken. Die lauten Kinder habe ich mit Lindor-Kugeln vollgestopft. Mein Nachwuchs weiss: Wenn Papi liest, darf er nicht gestört werden. Ich ging deswegen zum Empfang und suchte etwas zum Lesen.

Ich packte den Flyer «Bei Anruf… Betrug!» ein und vertiefte mich in das spannende Thema «Enkeltrick». Die erste Regel: «Die Täter sprechen oft Hochdeutsch.» Natürlich dachte ich zuerst an meine eingebürgerte Frau. Sie kommt aus Deutschland und will nicht in dieser Kolumne vorkommen. Dann kam mir aber auch wieder dieser Schmerz hoch, den mir die Stadt mit ihrer Absage zugefügt hat. Wenn die mich als Pflegefachfrau/-mann nicht wollen, werde ich halt Enkeltrickbetrüger! So läuft es in der Welt. Hier erfülle ich die Qualifikationen: Ich spreche Züritüütsch und kann sehr überzeugend wirken: «Hoi Oma, ich bin es, der Beni. Du wolltest doch, dass ich schnell vorbeikomme und dir im Haushalt helfe. Ich komme so um 16 Uhr, gell. Natürlich bringe ich dir vom Migros noch einen Generoso-Kuchen mit. Bis dänn, Oma!»

Ältere Leute zu verschaukeln, ist übrigens nicht neu für mich. Ich habe viele Jahre in der Passagierbetreuung am Flughafen gearbeitet. Unzählige Male begleitete ich demente Passagiere zum richtigen Gate. «This is your gate», habe ich ihnen gesagt und dabei die Hand ausgestreckt. Wenn ich Trinkgeld bekommen habe, bin ich eine Minute später zurückgekommen. «I have looked», habe ich gesagt, «this is really your gate» und nochmals die Hand ausgestreckt.