Unter Zürcher Wölfen

Freiheit versus Gefangenschaft, ein grosses Thema von Kinderbüchern und Kinderfilmen, bis hin zur berühmten Rede von der «Schweiz als Gefängnis».

Vielleicht hat sich der Wolf mit seinen Verwandten im Wildnispark unterhalten. Bild: Dieter Seeger

Am Montag machte ich einen Besuch in Aeugst beim Türlersee. Ich fuhr mit dem Auto über den Albis, vorbei am Tierpark Langenberg, der jetzt «Wildnispark» heisst. Aeugst liegt schön zwischen welligen Feldern, auf einer Wiese weideten Schafe. In den Fenstern der Einfamilienhäuser sah man Fratzen aus Kürbis und gigantische Spinnweben – bald ist Halloween.

Ein Wolf sei kürzlich in der Nähe des Dorfs aufgetaucht, erzählte meine Bekannte. Ein Wolf, zwanzig Kilometer von Zürich. Gesehen habe ihn ein Hundetrainer, sagte sie, und dieser könne einen Hund von einem Wolf unterscheiden. Vielleicht hat der Wolf seine Verwandten im Tierpark besucht, dachte ich. Vielleicht haben sie durch den Zaun miteinander darüber geredet, wie man eine Autobahn überquert und den Jägern ausweicht. Und die Parkwölfe haben erzählt, wie es ist, ohne die ewige Angst im Nacken zu leben. Freiheit versus Gefangenschaft, ein grosses Thema von Kinderbüchern und Kinderfilmen, bis hin zur berühmten Rede von der «Schweiz als Gefängnis», gehalten von Friedrich Dürrenmatt am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon anlässlich der Verleihung eines Preises an Vaclav Havel («…weil sie nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden, fühlen sich die Schweizer frei, freier als alle anderen Menschen, frei als Gefangene im Gefängnis ihrer Neutralität…»).

Aber es braucht kein Zitat von Dürrenmatt, jeder kennt den Moment, wenn am Abend jemand am Tisch vom Lebensgefühl in Berlin erzählt oder von Aussteigern in Indonesien oder vom Reiz der Anarchie im korrupten Osteuropa. Unweigerlich sagt dann jemand, «hier lebt man auf einer Insel, abgekoppelt von der internationalen Wirklichkeit». Hier breche die Welt zusammen, wenn eine S-Bahn ausfalle, ergänzt ein anderer, «dabei fährt die nächste in fünfzehn Minuten». Das Leben sei so einfach im Vergleich zum Ausland, sagt der Erste wieder, «schon die Nachbarländer sind härter».

Und dann geht die Diskussion los, und jemand sagt: «Wisst ihr was? Heute, wo die Gesellschaften auseinanderdriften, ist mir ein Land lieber, das versucht, als Gemeinschaft zusammenzubleiben, mit allen möglichen Sicherheiten, zugegeben, aber mit dem Willen, gemeinsam über die Runden zu kommen.» Das wird sich der einsame Wolf am Zaun des Wildnisparks angehört haben und nachdenklich weggetrabt sein, Richtung Autobahn, von weitem dröhnt der Verkehr.

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