Was Zürich von Washington lernen könnte

Die Zürcher Behörden gehen mit dem Nachtleben oft stiefmütterlich um. Ihre Kollegen in Washington D.C. zeigen, dass es auch anders geht.

In Washington wird nicht nur politisiert. Bild: Keystone/AP

Muriel Bowser ist 46 Jahre jung, Demokratin und seit 2015 Bürgermeisterin der US-amerikanischen Hauptstadt Washington D.C. Vor ein paar Tagen hat sie mit ihrer Unterschrift die Schaffung eines Office of Nightlife and Culture besiegelt. Dieses Büro wird auf Kabinettsebene agieren, der Chef dieser Stelle wird den Titel Night Mayor tragen und darf sich auf ein Jahresgehalt zwischen 97 434 und 118 000 US-Dollar freuen. Zudem wird eine 15-köpfige Commission of Nightlife ins Leben gerufen, bestehend aus Repräsentanten der Privatwirtschaft, aus Behörden- und Anwohnervertretern.

Diese Kommission wird vierteljährlich tagen. Bowser: «Die Bewohner der Stadt und ihre Besucher wissen, dass wir erstklassiges Essen und ebensolche Vergnügungsmöglichkeiten bieten. Das eröffnet fantastische Möglichkeiten, aber auch einige wenige Herausforderungen. Das Office of Nightlife and Culture wird, in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Stellen der Stadtregierung, ein beschwingtes und für alle funktionierendes Nightlife sicherstellen.» Nachtleben wird bereits im Namen der neu geschaffenen Stelle mit Kultur gleichgesetzt. Damit nicht genug: Eine lebendige Nachtkultur wird durch sie als indiskutabel wünschens- und fördernswert deklariert. Die Probleme, die solches mit sich bringt, müssen halt gelöst werden.

In Washington weiss man, dass das nur geht, wenn eine solche Instanz in die Behörden eingebunden wird. Bowser und ihre Stadt sind damit aber keineswegs Pioniere: Mehr als 30 Städte verfügen über solche Nightlife-Büros, darunter auch London und New York. Und wie sieht es in Zürich aus, dieser «kleinsten Weltstadt», in der immer wieder behauptet wird, man verfüge über die höchste Dichte an Clubs und Bars in ganz Europa? Hier gibt es einen Nachtstadtrat. Der hat sich selbst zusammengetrommelt und vermochte bis anhin keine grossen Stricke zu zerreissen. Eine Bar- und Clubkommission existiert ebenfalls. Aber auch die hat sich abseits der Behörden formiert und kommuniziert, als privatwirtschaftliche Interessengemeinschaft, lediglich mit der städtischen Politik statt proaktiv an ihr teilzunehmen. Dann wären da noch einzelne Projekte wie das 2001 lancierte «Langstrasse Plus», dessen primäres Ziel aber nicht eine nachhaltige Förderung des Nachtlebens war.

Zwar gibt es viele Städte, die ihr Nightlife noch stiefmütterlicher behandeln als Zürich. Handkehrum haben Washington D.C. und seine Bürgermeisterin soeben aufgezeigt, dass es noch reichlich Luft nach oben gibt.

1 Kommentar zu «Was Zürich von Washington lernen könnte»

  • Stefan W sagt:

    Washington ist auch in anderen Punkten überdurchschnittlich: 8 Mal höhere Mordrate, als im US-Durchschnitt, 4 Mal höhere Vergewaltigungsrate. Vielleicht ist es in Washington auch deshalb dringender, als in Zürich, das Nachtleben besser zu steuern und zu kontrollieren? Was würde in Zürich genau besser werden, wenn es eine Nachtverwaltung gäbe? Kommt die Menschheit wirklich nicht mehr ohne behördliche Verwaltung jedes einzelnen Lebensbereiches aus?

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.