In der Vorbildstadt von Zürich

London hat eine ästhetische Verruchtheit. Dann steht man plötzlich an einer Kreuzung, Glasfassaden gehen in die Höhe - ein harter Schnitt wie an der Europaallee.

Modernes Quartier mit dem Touch ästhetischer Verruchtheit: Shoreditch im Osten Londons. (Foto: AP Photo/Sang Tan)

Letzte Woche war ich mit meinem älteren Sohn ein paar Tage in London, ein Geschenk für seinen zwölften Geburtstag. London scheint der Klassiker der Städtereisen im Vaki-Muki-Stil, wir sahen ein paar Kinder im Alter meines Sohns, die meist mit ihren Müttern in der Stadt unterwegs waren, aus Deutschland, Schweden, Finnland – nachdenkliche, in sich versunkene Jugendliche und wackere, fröhliche Frauen in Turnschuhen.

Ich habe London immer als eine Vorbildstadt für Zürich gesehen, unvergleichlich grösser und radikaler, aber trotzdem gerade noch greifbar. Wir spazierten durch Notting Hill, das mal ein heruntergekommenes, lebendiges schwarzes Quartier war, heute ist dort der berühmte Markt an der Portobello Road, eine hübsche Touristenfalle, man sieht gepflegte ein-, zweistöckige Häuser. «So ein Häuschen kostet 25 Millionen Pfund», sagte ein Einheimischer, «das Quartier gehört zu den teuersten der Stadt. Und siehst du da hinten? Da steht gleich das abgebrannte Hochhaus.»

An einem Nachmittag nahm uns ein Freund mit in den Osten, wo man wie im Labor beobachten kann, wie das Geld sich durch ein Viertel frisst. «Wie in Notting Hill, aber viel schneller», sagte er. Wir spazierten vom einfachen Bethnal Green nach Shoreditch, in ein modisches, cooles Quartier, mit dem Touch von ästhetischer Verruchtheit.

Doch plötzlich steht man vor einer Kreuzung, Glasfassaden gehen in die Höhe, es blinkt und blendet über den Köpfen, ein harter Schnitt wie an der Europaallee, aber viel extremer.

Früher betrieben hier Menschen aus Bangladesh ihre Take-aways und Handwerksbuden, «jetzt arbeiten sie in den Wolkenkratzern als Putzpersonal», sagte unser Guide.

Auf dem Heimweg zum Flughafen warteten wir auf den Vorortszug, ein Bähnler wies uns streng an, hinter die gelbe Linie zu stehen. Später entschuldigte er sich für den rüden Ton, fragte: «Woher seid ihr?» Ah, Switzerland, da habe er mal gelebt als Strassenmusiker, schönes Land, dann sei er nach Österreich gezogen, die seien toleranter. Jetzt habe er Familie – er sprach, als seien die zwei Jahre in Feldkirch die besten seines Lebens gewesen.

Er war einst aufgebrochen, um ein anderes Leben zu führen, und jetzt stand er auf dem Perron in seiner Bähnleruniform wie die Quartiere, die aufbrechen in eine wilde Zukunft, aber das Leben funktioniert anders.

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