Bald Solothurner Zustände in Zürich?

In Solothurn sieht man das Nachtleben als notwendiges Übel und steckt es in ein straffgezurrtes Korsett. Aber auch in Zürich fehlt ihm immer öfter die Luft zum Atmen.

Solothurn bei Nacht. (Foto: Sabina Bobst)

In Solothurn wurde vergangene Woche im Rahmen der Herbstmesse übers Nachtleben diskutiert. Gemäss «Solothurner Zeitung» sprachen Vertreter der Behörden, der Polizei, der Anwohner und des Nachtlebens vor 350 Interessierten. Darunter auch der Gastronom Markus Moerler, der seine Pläne für ein neues Clubprojekt auf dem Solothurner Landi-Areal nach einem Kampf gegen verschiedene Einsprecher begraben hat.

Solothurn gilt als Schlafstadt: Clubs mit Dauerbetrieb an den Wochenenden, wie es sie in Basel oder Zürich gibt, sucht man dort vergebens. Die Betriebszeiten für Clubs und Bars sind stark eingeschränkt, die Gastronomie ist überreguliert, das Bedürfnis nach Ruhe steht weit über jenem nach Ausgang. Die Aussage von Gaston Barth von der Rechtsberatung für öffentliches Gemeinwesen Solothurn wirkt da wie blanker Hohn: Die Behörden würden das Nachtleben nicht machen, Solothurn lebe von der Eigeninitiative. Wie kann Eigeninitiative entstehen, wenn die Behörden wegen kleinster Kleinigkeiten versuchen, das Nachtleben zu verhindern? Dass in Solothurn an den Wochenenden nur eine bis drei Meldungen über Nachtruhestörungen eingehen, ist Hinweis genug, dass dort dem Nachtleben mehr Raum zur Entfaltung gegeben werden muss: In einer Stadt wird nun mal nicht nur geschlafen, sondern auch gelebt.

Die Zürcher Nachtleben-Macher sollten sich jedoch hüten, ob der Zustände in Solothurn dem Spott anheimzufallen. Auch hier versucht man die Uhr zurückzudrehen. Seit Jahren sind neue Regelungen und Vorschriften, die dem Nachtleben schaden, gegenüber jenen, die es fördern, klar in der Überzahl. Beispielsweise die Bewilligungspflicht für Öffnungszeiten nach Mitternacht durch das Hochbaudepartement von 2015, die das Eröffnen eines neuen Clubs an einer Adresse, an der sich zuvor kein Gastrolokal befunden hat, nahezu verunmöglichen. Jeder, der es trotzdem versucht, steht unweigerlich einer Flut von Einsprachen gegenüber, die ihm erst den Mut verderben und schliesslich auch den Willen. Die Stadt unternimmt viel zu wenig, um dem Nachtleben anwohnerfreie Räume zu schaffen: Dessen Bedürfnisse spielen bei der Stadtplanung höchstens eine Nebenrolle. Gleichzeitig werden die Behörden nicht müde zu betonen, wie wichtig ein lebendiges Nachtleben für Zürich sei.

7 Kommentare zu «Bald Solothurner Zustände in Zürich?»

  • Paulchen Panther sagt:

    Alex – wenn ich das heutige Nachtleben in ZRH mit dem vergleiche wo wir zwei noch hatten (Oxa, Laby, Aera, Labitzke, Rösti etc…) dann ist das okay wenn die Uhren zurückgedreht werden. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich die Leute ausserhalb der Klubs so was von daneben benommen haben. Die Langstrasse ist nur noch widerlich. Und wie hier schon gestanden ist, nicht von Zürchern sondern von ganz vielen auswärtigen. Das Partyvolk hat sich also selber die Uhren zurückgestellt…. wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät 🙂

  • Herbert Berger sagt:

    „Club-Promoter“, also sehr parteiisch.
    Ich bin Anwohner und auch parteiisch. Ich möchte gerne in der Nacht und an den Wochenenden an meinem Wohnort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin, das Leben geniessen. Dazu gehört viel Ruhe und Schlaf. Nicht dazu gehören laute Party und Clubs, die hauptsächlich von Auswärtigen besucht werden, die sich nicht zu benehmen wissen, weil sie meinen, in Zürich sei alles erlaubt.

  • Roberta sagt:

    Eventmarketing ist ein Business geworden, man kann es unterdessen gar studieren. Es lässt sich damit viel Geld verdienen, auf Kosten der Anwohner. Wer durch Lärm betroffen ist und sich wehren will, wird als „Spielverderber“ abgestempelt und aufgefordert, doch bitte umzuziehen. Das Lärm gesundheitsschädliche Auswirkungen hat, geht in dieser Diskussion meistens unter. Besonders fragwürdig ist aber nun, dass die Clubszene einen „Club-Promoter“ wie Alex Flach bezahlt, der gleichzeitig Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» ist und einem breiten Publikum die Sicht des Eventmarketings näherbringen kann. Die Lärmgeplagten haben eine solche Lobby nicht, sie haben nur (noch) das Recht auf ihrer Seite. Liebe Leute vom Tagi, sorgt doch bitte dafür, dass die andere Seite auch zu Wort kommen kann.

  • Anton Schneider sagt:

    Es gibt keine anwohnerfreien Räume in Zürich. Zürich ist rappelvoll, jeder freie m2 wird bebaut. Dies heisst aber nun effektiv nicht, dass Zürich eine Schlafstadt ist. Clubs gibt es Dutzende, sie gehen und sie kommen, denn das „coole Partivolk“ ist wählerisch. Fakt ist, dass zB im Kreis 5 während der warmen Jahreszeit an jeder Ecke an einem Wochenende die ganze Nacht lautstark durchgefeiert wird (erlaubt bis 2, effektiv grenzenlos). Die Fahrzeuge werden stundenlang mit krachenden Motoren „schongefahren“ und johlende Heimkehrer begleiten den Schlaf vieler bis in die Morgenstunden. Die Langstrasse mit den „Abfüllstationen“ ist so ziemlichste das traurigste „Ausgehviertel“ geworden – zumindest für viele Stadtzürcher. Zürich eine Schlafstadt – nein, wirklich nicht!

  • max sagt:

    aber in einer stadt ist es doch grundsätzlich schwierig, anwohnerfreie räume zu schaffen oder gar zu finden. am ehesten in industriegebieten, aber die gibt es doch in westeuropa gar nicht mehr (dienstleistungsgesellschaft), und die bestehenden industriezonen sind gentrifiziert und stadtplanerisch eingebunden. in einer dichtbesiedelten zone hat freier raum den höchsten wert, auch ökonomisch gesehen. vielleicht ist kreativität und eigeninitiative gefragt, sowie dezentrales unabhängiges denken. das ist heutzutage zugegebenermassen schwierig.

  • dr house sagt:

    schlafen IST leben, falls sie das nicht wissen, herr flach! vielleicht können sie mir (und vielleicht anderen auch) erklären, warum das unnatürliche „nachtleben“ über dem natürlichen lebensrhytmus von mensch und tier (tagsüber ist man wach und wenn es dunkel ist schläft man) stehen soll? wer das haben möchte und braucht… ok! aber bitte nicht dort wo andere schlafen wollen/müssen. oder dann gehen sie doch in die politik und sorgen dafür dass das BGE sofort für alle eingeführt wird, dann können die, die heute noch auf nachtruhe angewiesen sind, einfach am tag schlafen.

  • SrdjanM sagt:

    Einerseits ist Solothurn schon strukturell nicht mit Städten wie Bern, Basel oder Zürich vergleichbar. Die Stadt ist klein, besteht eigentlich nur aus einer Altstadt und unterschiedlichsten (Wohn-) Vororten. Von „urban“ keine Spur.
    Clubs mit weitgehend uneingeschränkten Öffnungszeiten hätten (und hatten auch schon vor 20 Jahren) da keine Chance.
    Anderseits besteht auch keine Nachfrage nach entsprechenden Angeboten, denn Biel und Bern sind in 20min zu erreichen, Basel und Zürich in knapp 50min. Man startet den Abend in einer der vielen Restaurants und Bars Solothurns, besucht ein Konzert im Kofmehl und zieht dann weiter.
    Das ist seit Jahrzehnten so, nur sehr wenige in Solothurn stören sich dran.
    Halt ein anderes, gemütlicheres Konzept als in den Grossstädten.

Kommentar

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