Von mutigen und mutlosen Gewerblern

Eine Gewerberlin hat eine Idee: ein Warenhaus, das aus lauter Dorflädelis besteht. Doch ihre Mitstreiter haben keine Lust.

Leerstand gibt es auch in den Köpfen: ungenutztes Ladenlokal in einer Schweizer Stadt: Foto Alessandro della Valle / Keystone

Leere Schaufenster, ein Schild an der Tür «Ladenlokal zu vermieten». Schon wieder ein Lädeli, das gestorben ist. Vor allem in mittelgrossen Städten, wie sie typisch für die Agglo sind, jammern Kleingewerbler, dass sie kein Auskommen mehr haben, weil die Leute beim Grossverteiler oder im Internet kaufen.

Doch da gab es in meiner Agglo eine Gewerblerin, die zwar auch jammerte, aber überdies eine Idee hatte. Sagen wir, es handle sich um eine Spielwarenhändlerin, denn sie möchte nicht so gern, dass man weiss, von wem hier die Rede ist. Sie jammert also, dass die Menschen nicht mehr bei ihr einkaufen, sondern im Einkaufszentrum, weil dort Brot und Gemüse, Lego, Papeterieartikel, Kleider und Katzenfutter unter einem Dach erhältlich sind und es genügend Autoabstellplätze in der Tiefgarage gibt.

Doch dann zog der Manor oder der Jelmoli, der im Zentrum der Kleinstadt eine Filiale betrieb, weg. Und sie hatte eben eine Idee. Sie richtete ein Schreiben an den Beck, der über zu wenig Kundschaft jammerte, und an den Metzger, an den Blumenladen, die Papeterie, die Kleiderboutique, den Tabak- und den Buchladen, an das Reformhaus, den Juwelier, den Käser und an den Schuhladen. Sie schrieb, ob man sich nicht zusammentun wolle, um gemeinsam das vom Manor oder Jelmoli verlassene grosse Ladenlokal zu mieten und zu beziehen.

Sie stellte sich das so vor: All diese darbenden Kleingewerbetreibenden der Kleinstadt  tun sich frei nach dem in der Grossstadt erfolgreichen Shop in Shop-Prinzip zusammen und werden zu einem Warenhaus, in dem die Kundinnen und Kunden unter einem Dach frisches Brot, Schweinsbratwürste und Tulpen, neue Jeans, Seifenblötterli und Geschenkpapier einkaufen können. Doch täten sie dies eben nicht in einem Coop oder einer Migros, sondern in ihrem Dorflädeli. Denn dieses neue Warenhaus bestünde aus lauter Dorflädelis unter einem Dach. Und über einer Parkgarage.

Die Spielwarenhändlerin wartete gespannt auf die Sitzung des Vereins, in dem das Kleingewerbe organisiert war. Und bekam dort einen Korb. Man wisse ja nicht, ob das gut gehe, sagte der Beck oder der Metzger. Die Miete sei viel zu hoch, erklärte der Juwelier. Da müsse die Stadt aber finanziell mithelfen, lautete der Grundtenor. Und überhaupt nütze alles nichts, die Kundschaft wandere ja eh zu den Grossverteilern und ins Internet ab.

2 Kommentare zu «Von mutigen und mutlosen Gewerblern»

  • Herbert S. sagt:

    In Kleinstädten haben Gewerbler ihre Produktionsstätten und Verkaufsläden oft in ihren eigenen Liegenschaften eingerichtet. Zudem sind die Gehdistanzen vom Bäcker zum Metzger zum Käseladen zur Kleiderboutique gering. Eine Zentralisierung der Geschäfte führt so nur zu hohen Zusatzkosten und generiert nicht wirklich einen höheren Umsatz. Der Negativ-Entscheid der Gewerbler ist somit voll und ganz nachvollziehbar und richtig.

  • Asta Amman sagt:

    An meinem Ferienort, einem Städtli am Röstigraben, gab es bis vor wenigen Jahren einen Manor. Dann hat ein Einheimischer im verlassenen Lokal eine „Markthalle“ installiert, in der Beck, Metzg und Co. Platz finden sollten. Einige versuchten es, kein Schwein ging hin. Heute ist dort das x-te Restaurant. Sad.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.