Vorgeschmack auf die Zukunft

Mitten in Zürich West gibt es noch einen Ort, der nicht durchdesignt ist: die Kantine im 5i.

Draussen industrielle Härte, drinnen GZ-Geborgenheit: die Kantine im 5i. Foto: TA

Die schwarze Tafel ist riesig. Sie könnte eine Schulzimmerwand bedecken und voller Formeln sein. Doch sie hängt in der Kantine im 5i, und es stehen Menüs darauf. Ossobuco, liest der Vegi und schaut zum Karnivoren, mit Augen, die fragen, ob das etwas für ihn, den Fleischverächter, sei. Der Karnivore schüttelt den Kopf. Väterlich. Und wehmütig. Ihm wird klar, dass in ferner Zukunft, wenn sich alle so fleischlos wie der Kollege ernähren, viel Wissen verloren gegangen sein wird. Etwa, dass Ossobuco «Knochen mit Loch» bedeutet.

Um «Barbarenwissen» müsse man nicht trauern, tröstet der Vegi. In jener Zukunft gebe es dafür Fleischfresser-Museen oder Chilbi-Bahnen, auf denen Geister Kühe schlachten.

Pastetli zumindest dürften den kulinarischen Wandel überleben. Anpassungsfähig sind sie. Die schwarze Tafel führt das Blätterteig-Gebilde doppelt – mit Brätkügeli oder mit Quorn an Champignon-Sauce. Opportunistisch, findet das der Fleischkopf. Doch gerade als die zwei das Tablett fassen, geschieht Ungeheuerliches: Ein Mann in Schürze zieht einen weissen Strich über die schwarze Tafel, quer durch die Pastetli. Fertig sind sie. Und das um kurz nach 12 Uhr. Egal, findet der Vegi und bestellt Polenta statt Pastetli (17.50 Franken mit Suppe und Salat), während der Karnivore murrend auf die Spaghetti «wie in Bologna» (17.50 Franken) ausweicht.

Nach dem Bestellstress bleibt Zeit, sich umzuschauen. Obwohl sich die Kantine «urban-industrielle Gaststätte» nennt und auf dem Areal der städtischen Kehrichtverbrennungsanlage liegt, erinnert sie von innen eher an ein Gemeinschaftszentrum. Gemütlich und entspannt wirkt der Raum, luftig dank hoher Decke, Platz gibt es mehr als genug. Betrieben wird das Restaurant von Hop Züri, einem Programm, das Arbeitslose an Jobs im Gastgewerbe heranführt. Und so werden die beiden Menüs – untypisch für Kantinen – an den Tisch gebracht.

Die Pasta sei gut im Biss, die Bolognese würzig, lobt der Karnivore. Auch der Vegi hat Freude an Polenta und Gemüse. Nur das Quorn an Rahmsauce schmeckt ihm weniger: zu fleischig sei es. Fleischiges Nichtfleisch?, wundert sich das Gegenüber. Der Fleischfan darf probieren, und während er die Quorn-Würfel vom Vegi-Teller weggabelt, hört er nicht auf zu schwärmen: zart wie Kalb. In einer Ossobuco-freien Zukunft würde er locker überleben.

Kantine im 5i, Neue Hard 10, geöffnet Mo bis Fr 8 bis 16 Uhr, www.hopzueri.ch

Beat Metzler und Marcel Reuss

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