37 Velotote

Am Wochenende gehört Zürich den Velos. Unter der Woche dagegen wirds gefährlich auf dem Sattel.

Für einmal haben Velofahrer die Zürcher Strassen für sich: Velodemo im September 2017. Foto Ennio Leanza / Keystone.

Meine Frau hat mir ein Velo gekauft, auf einem Wohltätigkeitsbasar. Hellblaues Rennrad, 27 Gänge; ein Volltreffer. Warum wohl gibt jemand das Juwel für ein paar Franken weg? Wars einer der Männer, die mit ihrem ersten Leben abgeschlossen haben und nur noch Rad fahren? Bis sie sich entscheiden müssen zwischen Velo oder Beziehung? Unser Mann hat sich für die Beziehung entschieden – oder für ein neues Velo.

In den Herbstferien habe ich mich auf den Sattel geschwungen, in Turnhosen, mit geborgten Veloschuhen, und nach ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, über die Waldsträsschen zu fliegen. Wir haben mit Freunden ein paar Runden gedreht, unter dem weiten Himmel, durch einsame Bauerndörfer, so still, dass man das Sirren der Räder hörte.

Diesen Sonntag testete ich das Velo in der Stadt, fuhr mit meinem Sohn hoch zum Rigiplatz, wahnsinniges Wetter, ganz Zürich schien auf Rädern, alle führten ihr Gefährt vor, die Skater und die Trottifahrer mit Elektroantrieb. Die Kamikazes und die Sonntagsfahrer. Es war wie auf der Strandpromenade von Los Angeles, aber eben mitten in der Stadt, entspannt, spielerisch, vorbei an den Apérotrinkern in den Strassencafés, sie wirkten schwerfällig, wie aus einer anderen Zeit.

Die Freizeitkultur erobert das Strassenbild, die Verkehrswege werden zu Spielstrassen, der Pulk der Gümmeler schwärmt aufs Land hinaus und verlangsamt den Sonntagsverkehr. Aber meistens sieht die Realität anders aus. Am Montag ist der Fun vorbei. Dann ist nur noch Kampf, mit den Lastwagen im Rücken, eine falsche Bewegung, und du wirst platt gewalzt.

37 Velotote gab es dieses Jahr in der Schweiz, habe ich gelesen, die meisten von überholenden Lastwagen oder Autos angefahren. Ich weiss nicht, wo die Unfälle passiert sind, ob in der Stadt oder in den Dörfern, aber eines weiss ich, wenn der Sonntag vorbei ist, wird unsere Velostadt zum Verkehrshindernis für die Menschen, die so schnell wie möglich durch Zürich kommen wollen. Dabei ist Velofahren nicht nur gesund, es ist eine Lebensform, welche die Städte verändern wird.

Auf dem Heimweg die Rämistrasse hinunter fliegt einer an mir vorbei, überholt das stehende Tram, einer von tausend Kamikazes. Vielleicht steckt eine tragische Geschichte hinter meinem günstigen Velo, denke ich und rase dem Kamikaze hinterher.

9 Kommentare zu «37 Velotote»

  • Toni Burger sagt:

    Die Kamikaze-Fahrer, wie Sie sie bezeichnen, sind eher die, die einfach die Routine drin haben, weil sie täglich auf dem Sattel hocken und die Autofahrer, Fussgänger und sonstigen Verkehrshindernisse einfach „lesen“ können, was für eine unüberlegte Tat sie als nächstes Vollbringen. Das Tram indes ist Spurtreu und gut einzuschätzen. Man weiss bloss nie, was hinter dem Tram für Gefahren lauern.
    Die Kamikazes sind aber eigentlich die, die frei von Routine auf den Sattel sitzen und sich dorthin wagen, wo Mobilität stattfindet. Mit der masslosen Überforderung riskieren sie, zu den 37 Velototen dazuzukommen.
    Also um es auf den Punkt zu bringen, am gefährlichsten sind die Schönwetter- und Trottoirbiker, die E-Biker mit gelber Nummer, die Smartphone-Fussgänger und gedankenlose Automobilisten.

  • jane marple sagt:

    37 tote velofaher… WOW! da muss man doch gegen autofahrer «haden». nicht wahr? wie wäre es mal mit der frage: wie sind diese unfälle denn passiert? könnte es sein, dass von den 37 gar die hälfte oder mehr, selber schuld sind? ausgelöst durch ihren rüpelhaften, hirnlosen und arroganten fahrstil…inklusive kopfhörer und handy? man erfährt nämlich NIE die gründe, die zu den unfällen führten (auch im tagi nicht!). es sind auch alternative fakten, nur die halbe geschichte zu schreiben. da liest man dann «velofahrer von auto erfasst!»… und? warum? das steht nicht und wird auch in einem folgeartikel nie offengelegt. ich glaube, wenn da mal mehr mit der wahrheit gearbeitet würde, würden die «lieben» velofahrerlis nicht mehr so «gutmenschig» daher kommen…

    • Arnold Schmidt sagt:

      In den letzten vier Jahren hatte ich drei Beinahe-Unfälle. Einmal mit Blechschaden, ein anderes Mal konnte ich ganz knapp abbremsen, ein drittes Mal musste ich reflexhaft in die Gegenspur ausweichen, weil ich sonst mit knapp 30 in eine sich öffnende LKW-Tür gefahren wäre. Die ersten beiden Male waren Autofahrer, die mir die Vorfahrt genommen haben. Es ist immer schön einfach, die Verantwortung runter zu reden, nur: Wenn ich als Velofahrer nicht aufpasse, dann gibt es eine Beule. Wenn ich als Autofahrer nicht aufpasse, dann endet es schnell im Krankenhaus.

  • Karl Drais sagt:

    Ein wunderbarer Text. Danke!

  • Helena sagt:

    Es sind nicht die Kamikazes, oder gerne auch «Velorowdies» genannt, die verunfallen. Es sind zumeist Frauen, Senioren, die Unerfahrenen. Wer im alltäglichen Stadtverkehr überleben will, entwickelt entweder den 7. Sinn (biegt der jetzt ab ohne zu schauen, weil blinken tut eh keiner mehr…) oder lässt es gleich ganz bleiben. In Deutschland sind dieses Jahr schon 26 (!) Menschen allein durch rechtsabbiegende LKWs getötet worden. Die Mehrheit waren Kinder, Frauen, Senioren – sie alle haben sich gesetzeskonform verhalten und sind bei Grün gefahren. Es ist unsere Infrastruktur, die Konflikte erzeugt, die Velofahrer als Fleischbremsen missbraucht, so dass es kein Wunder ist, wenn in zu Artikeln im TA zum Überholabstand über 650 Kommentare geschrieben werden…

  • Robert Bührer sagt:

    Schön geschrieben.
    Ich liebe es auch unter der Woche in der Nacht mit dem Velo zu fahren, zum Bsp nach einem Konzert in der Roten mit ein paar Bier intus easy auf leeren Strassen nach Hause cruisen!

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    velofahren in der stadt ist genau so ungesund wie autofahren. bloss aus anderem anlass.

  • F. Peter sagt:

    Am Wochenende gehört Zürich den Velos.?
    Am Wochenende?
    Zürich gehört Tag ein, Tag aus den VelofaherInnen – und zwar ohne Wenn und Aber!
    Es gibt k e i n Verkehrsteilnehmer der sich so unbekümmert und überheblich über alle Regeln, Gesetze hinwegsetzt wie die, von der Stadt Zürich so privilegiert behandelte Gruppe der VelofahrerInnen.

    Soviel zu: am Wochenende gehört Zürich den Velos

    Was mich immer wundert wie widerspruchslos sich disziplinierte VelofahrerInnen das rüpelhafte Verhalten anderer ZweiradlerInnen hinnehmen.

    • Doris sagt:

      Am schlimmsten ist, wenn die Velorowdies durchsetzen wollen, dass man ihnen als Fussgängerin doch bitte schön Platz machen soll, wenn sie auf dem Trottoir pfeilen. Wünsche mir ein ruhiges Vorankommen auf dem Trottoir.

Kommentar

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