«Du verletzt meine persönliche Integrität!»

Über meine Frau darf ich nicht mehr schreiben. Wer bleibt? Manuel! Der abgrundtief unsympathische Manuel.

Der Uetliberg lockte die Bekannten nach Zürich – also ein Automat auf dem Uetliberg. Bild: Urs Jaudas

Meine Frau erlaubt mir nicht mehr, über sie zu schreiben. Sie sagte: «Du verletzt mit deinem Schreiben meine persönliche Integrität!» Ich war baff: Solche Fremdwörter aus dem Mund meiner Frau? Die Kinder haben unseren anschliessenden Streit natürlich mitbekommen. Man kann leise weinen, schluchzen oder kichern. Aber leise streiten funktioniert irgendwie nicht. Die Tochter stellte sich vor mir auf: «Und über mich darfst du auch nicht mehr schreiben!»

Das war mir zu viel! Ich eilte in mein Arbeitszimmer und versuchte die Tür leise zuzuknallen. Wegen des schlimmen Nachbarn. Ich setzte mich vor den Computer und überlegte länger als sonst: Über was kann ich eigentlich schreiben? Nichts über die Frau, nichts über die Kinder. Es bleibt nur noch die beste Freundin meiner Frau übrig.

Die war letztes Wochenende bei uns zu Besuch. Im Schlepptau ihr Mann, der Manuel heisst. Nun, ich komme langsam in ein Alter, in dem ich finale Listen von Menschen erstellen darf, die mir abgrundtief unsympathisch sind. Manuel, du stehst da ganz weit oben!

Manuel kommt aus Deutschland und ist Abteilungsleiter von irgendetwas. Er hat mir davon erzählt, aber ich habe nicht zugehört. Von Freitag bis Sonntag hielt er einen Jutesack in der Hand. Darin prägefrische Euromünzen.

Manuel hat nämlich im Internet gelesen, dass auf dem Uetliberg ein Münzprägeautomat steht. Man schiebt ein Geldstück in den Automaten und dreht an einer Kurbel. Zwei Stahlwalzen plätten die Münze zu einer dünnen Medaille mit Motiv. Der Münzprägeautomat war für Manuel ausschlaggebend, seine Frau nach Zürich zu begleiten. Er erzählte mir, dass er nur dort Ferien mache, wo sich auch ein Münzprägeautomat befindet. Er sei in Kontakt mit Sammlern aus ganz Europa. Wichtig sei, immer prägefrische Münzen zu benutzen. Er brachte sogar einen Sammelordner mit.

Wir mussten dann am Sonntag auf den Uetliberg fahren. Manuel sass mir gegenüber und zappelte nervös mit den Füssen. Ich hätte ihm gerne Ritalin gegeben, aber das ist rezeptpflichtig. Oben angekommen, tollten die Kinder auf dem Spielplatz herum. Ich ass einen Nussgipfel, und Manuel war eine Stunde lang beschäftigt.

Jetzt, da er für alle seine Freunde Medaillen prägen konnte, wird er uns wahrscheinlich nie wieder besuchen kommen. Doch irgendwie schade.

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