Was einem guttut

Andere wechseln das Geschlecht, ich meine Essgewohnheiten. Trotzdem, früher oder später sterben wir alle.

Im Rahmen raucht unser Autor gerne mal – im mittelständischen Gesundheitsramen. Bild: Patrick Gutenberg

Vor ein paar Tagen sah ich aus dem frühmorgendlichen Tram, wie Arbeiter die Strasse ausbesserten. Sie verschoben Abschrankungen, sogen Wasser ab, ein Muldenkipper holperte über das aufgerissene Trassee. Es regnete, und sie hatten die Kapuzen ins Gesicht gezogen, ein älterer Arbeiter hielt mit beiden Händen eine Spitzmaschine, dazu rauchte er, die Zigarette zwischen die Lippen gepresst. Am Abend hat er sicher mehr als ein halbes Päckchen geraucht, und nach der Pensionierung wird ihn der Krebs dahinraffen, aber jetzt, an diesem trüben Morgen, ist die Zigarette sein einziger Trost, wenn er seine Maschine in den Händen hält, den Blick auf den Boden gesenkt, allein mit seinen Gedanken.

Man sieht nicht mehr oft, dass einer beim Arbeiten raucht, verwachsen mit der Zigarette, wie die Appenzeller Bergbauern mit ihrer Brissago. Heute machen die Leute Rauchpause an der frischen Luft, aber einer, der sich schon frühmorgens eine ansteckt und sie nicht mehr aus dem Mund nimmt, muss ein Proll sein und dazu noch ein Gesundheitsrisiko, das die Krankenkassenprämien in die Höhe treibt. Klar, die harte Arbeit entschuldigt ihn, ohne Zigarette wäre es nicht auszuhalten, so gibt er sein Leben hin für den Strassenbau.

Ich rauche gern mal eine, abends vor der Haustür oder wenn man etwas feiert, aber immer im Rahmen, im mittelständischen Gesundheitsrahmen – man weiss, was einem guttut. Zum Beispiel stehe ich jeden Morgen auf die Waage, ich behaupte, dass es mir besser geht, seit ich aufs Essen achte, mediterrane Kost, wenig Süssigkeiten und Bier. Nicht dass es mir früher schlecht ging, aber jetzt habe ich ein neues Leben, eine neue Identität. Andere wechseln das Geschlecht, ich verzichte auf Schoggi.

Es gibt in der Stadt Menschen, junge Familienväter, die haben ihre Ernährung komplett im Griff, die funktionieren wie ein Uhrwerk, um 15 Uhr darf ich drei Nüsse essen – das ist krank. Aber kürzlich war ich eingeladen, es gab einen wunderbaren Braten mit buttriger Rösti, ich wusste nicht, wie Nein sagen, ich bin ja nicht Vegetarier, nicht Veganer, ich möchte einfach ein paar Kilos runter. Also habe ich alles aufgegessen. Schon beim Heimkommen war mir schlecht, wahnsinnig, wie schnell sich der Körper umstellt. Trotzdem, früher oder später sterben wir alle. Auf meinem Grabstein wird stehen: Er begann sein Leben mit ungarischer Salami.

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