Ein Bollwerk gegen die Gentrifizierung

Ein Jubiläum, das gar nicht hätte zustande kommen dürfen. Der «Supi» feiert seinen 20. Geburtstag.

Heimat des Supermarket: Das Backsteingemäuer an der Geroldstrasse 17. Bild: Reto Oeschger

Sandro Bohnenblust, Mitinhaber und langjähriger Geschäftsführer des Clubs Supermarket in Zürich-West, ist kein Nostalgiker. Als Chef eines House- und Techno-Clubs befindet er sich auf der steten Suche nach vielversprechenden Veranstaltungs- und DJ-Talenten und muss musikalische Entwicklungen früh erkennen und sein Programm danach ausrichten: Wer stehen bleibt, um zurückzublicken, der wird überholt.

An diesem Wochenende aber ist auch Bohnenblust nicht umhingekommen, kurz innezuhalten: Sein Supermarket ist zwanzig geworden. Es ist ein Jubiläum, das gar nicht hätte zustande kommen dürfen. Zumindest wenn es nach all den Nightlife-Propheten gegangen wäre, die dem «Supi» im Laufe der Jahre immer wieder mal das baldige Aus geweissagt haben.

Aber nicht nur sie: Ginge es nach den Stadtplanern, würde zwischen den Viaduktbögen und dem Bahnhof Hardbrücke ein neues Kongresszentrum stehen, und der Supermarket, die benachbarten Clubs Helsinki und Hive, das Restaurant Rosso und der Geroldsgarten wären nur noch verblassende Erinnerungen. Daraus ist dann nichts geworden: Dem Grundbesitzer Georg Mayer-Sommer war es wichtiger, im Sommer weiter mit einem Eis in der Hand über sein Areal spazieren zu können, als mit einem Landverkauf an die Stadt die Kassen klingeln zu lassen. Tatsächlich: Solche Menschen gibts noch. Mayer-Sommer hat der Stadtbevölkerung einen Gefallen erwiesen, denn was wäre Zürich-West ohne die Geroldstrasse: ein vom Leben befreites Sammelsurium an Hochhäusern. Dass der Supermarket noch steht, ist nicht das Verdienst der Politik. Die städtischen Behörden tun sich noch immer schwer, Techno als Kulturgut anzuerkennen, und tendieren nach wie vor dazu, ihn als Lärmquelle und Gefahrenherd einzustufen. Selbst wenn die Stadt von Anlässen wie der Street Parade profitiert, und selbst wenn die Unesco das anders sieht.

Das Backsteingemäuer an der Geroldstrasse 17 ist somit mehr als «nur» die Heimat des Supermarket. Es ist ein Bollwerk wider eine sich überhitzende Gentrifizierung. Das Lokal ist aber auch Plattform für eine Kultur, die ohne staatliche Subventionen auskommt und die sich alleine vom Publikumszuspruch ernähren kann. Hier hat also nicht nur ein Club Geburtstag gefeiert, sondern eine städtische Kultur-Institution. Eine, die hoffentlich noch viele Jahre draufpackt. 

6 Kommentare zu «Ein Bollwerk gegen die Gentrifizierung»

  • Katharina Hintermann sagt:

    Wow, wie geil ist das den. Wusste ich nicht…. und bangte schon immer um den kleinen Flecken lebendiges Zürich. Möge dem Gönner ein langes Leben beschieden sein. Von mir aus darf er auch zum vierten Stadtheiligen ernannt werden. Und das mein ich ganz ganz ernst!!!!

  • Philipp sagt:

    Lesen wir richtig? Ein Bollwerk GEGEN die Gentrifzierung? Als würden an der Geroldstrasse noch Sattler und Brachialmechaniker ihr Handwerk üben. Freunde, die Geroldstrasse IST die Gentrifzierung. Szenebartschaulaufen, Freitagtaschenland, Surfspot, Urban Gardenbeiz und ja, ein wenig guter alter Techno. Das böse Hochhaus im Hintergrund mit den Anwälten und Beratern aus der andern Welt gehört im Übrigen zu den Grundzutaten der gentrifizierten Geroldstrassen unseres Kontinents.
    Echte Bollwerke gegen die Gentrifzierung sind, meist aus unguten Gründen, Städte wie Neapel. Geht hin und vergleicht. Davon findet sich nichts in unserer Stadt, erst recht nicht bei der Kommerztante Gerold.
    Bei alldem: Herzliche Gratulation an den Supermarket!

  • Adrian sagt:

    Es ist eigentlich tragisch, dass Alex Flach dauernd immer über die gleichen Clubs schreibt. Ich würde es mir wünschen, wenn er vermehrt über alle Clubs schreiben würde und nicht nur von denen, wo er vertritt.

    • Hans Müller sagt:

      Warum ist das wohl so… ?
      In diesem Stadtblog geht es vor allem um Lobby-Arbeit für jene Clubs, für die er als Promotor arbeitet. Immerhin wird das oben auch klar deklariert: „Er arbeitet unter anderem für die Clubs Hive, Supermarket, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei. “
      Deshalb muss man diesen Blog auch nicht allzu ernst nehmen.
      Glückwunsch an den Supermarket. Die Geroldstrasse ist toll, allerdings, wie Philipp weiter oben korrekt anmerkt, ist Flachs Behauptung, die Geroldstrasse sei ein „Bollwerk gegen die Gentrifizierung“ völliger Mumpiz. Wegen der Gentrifizierung wurden die ursprünglichen Betriebe vertrieben, eingezogen als Zwischennutzer sind darauf die jetzigen Nutzer. Diese profitieren eben gerade vom Status als Zwischennutzer im Gentrifizierungsprozess.

  • Lichtblau sagt:

    Schöner Artikel. Techno als Kulturgut wäre mir ohne Kind, dass die Zürcher Clubs begeistert frequentiert, wohl auch eher egal. Wenn aber ein paar letzte städtische Oasen durch die Mayer-Sommers dieser Welt vor der totalen Gentrifizierung bewahrt werden: super!

  • dr house sagt:

    „… Die städtischen Behörden tun sich noch immer schwer, Techno als Kulturgut anzuerkennen, und tendieren nach wie vor dazu, ihn als Lärmquelle und Gefahrenherd einzustufen….“
    das sollten die städtischen behörden mal mit dem KOCH-Areal machen, anstatt es zu hätscheln und zu päppeln und damit langjährige anwohner zu vertreiben! vermutlich sind die betreiber vom sumpermarket und dem hive zu wenig links…

Kommentar

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