London Calling

Wann weiss man definitiv, dass man älter geworden ist? Wenn ein aufmüpfiger Revoluzzer-Song von einst am Flughafen aus dem Lautsprecher tönt.

The Clash bei einem Auftritt im Zürcher Kaufleuten 1977. (Foto: Roland Stucky)

Ja, ich weiss, man soll nicht fliegen, aber diesmal gings nicht anders, und ich war nicht der Einzige auf dem Flughafen, es herrschte unglaublicher Andrang. Trotzdem lief die Gepäckkontrolle zügig, in Zürich haben sie das Nadelöhr im Griff, aus dem Lautsprecher kam beruhigende Musik, «London Calling» von den Clash, ein richtig apokalyptisches Lied, «die Eiszeit bricht herein, die Sonne kommt näher», singen die Clash, bald wird irgendein Atomkraftwerk in die Luft gehen, und London wird von den Fluten weggeschwemmt, singen sie, aber egal, «London ertrinkt, und ich wohne am Fluss».

Vielleicht ist eine ehemalige Punkerin unter den Polizistinnen, dachte ich, als ich meine Sachen aufs Förderband legte, und jetzt ist sie alleinerziehende Mutter und muss Geld verdienen, oder vielleicht war einer der Geschäftsleute in der Warteschlange damals im Kaufleuten, als die Clash am 1. Oktober 1977 in Zürich spielten, die Vorband waren die Nasal Boys, eine Lokalgrösse. Ein paar Jugendliche hatten sich Sicherheitsnadeln durch die Backen gestochen, es war eine seltsame Zeit, das Ende von 68, in der Stadt war etwas am Aufbrechen, man wusste nur nicht recht, was. «London Calling» haben die Clash am Konzert nicht gespielt, der Song kam erst zwei Jahre später auf den Markt und wurde eine Hymne der rebellischen Achtzigerjahre, «London calling to the underworld / Come out of the cupboard, you boys and girls».


Dabei, wenn man hinhörte, kündigte das Lied damals schon die Weichspülung der Band an, später hat
British Airways den Song für eine Kampagne gekauft, als London die Olympischen Spiele beherbergte. Hymnen, selbst rebellische, haben es an sich, dass sie meist im Mainstream aufgehen. Man muss gar nicht lange Theorien aufstellen, es ist ganz einfach: Wenn ein aufmüpfiger Song von einst am Flughafen aus dem Lautsprecher tropft, ist es ein Zeichen, dass man älter wird. Es ist der Moment, in dem man sich fragt: Was habe ich gemacht, um nicht vom Mainstream eingeholt zu werden? Bin ich Vegetarier geworden? Oder ein Aussteiger? Habe ich meine Kinder anders erzogen? Habe ich den langen, ruhigen Fluss des Lebens irgendwo umgeleitet, gestaut, irgendetwas gemacht, um nicht ein braver Bürger zuwerden?

Dann war ich froh, dass mein Koffer beim Durchleuchten nicht hängen blieb und ich noch Zeit hatte für einen Rundgang im Duty-free-Bereich.

13 Kommentare zu «London Calling»

  • Asta Amman sagt:

    Schöner Stadtblog-Beitrag. Ich mag Herrn Gimes verhalten-melancholische Art. Kürzlich habe ich zum Sound von Rio Reiser in unserer winzigen Zürcher Coop-Filiale eingekauft. Das war auch speziell.

  • clbr sagt:

    Wenn ich einkaufen gehe, summe ich häufig „I’m all lost in the Supermarket, came along to shop happily (…)“ Wäre doch eine Idee für den Letzipark…Die Clash waren der kleinste gemeinsame Nenner zwischen meinen punkaffinen Freuden und mir Carl Philipp Emanuel Bach Hörerin. Aber als Ambient („Liftmusik“) im Flughafen? Wann bringen sie „I shot the Sheriff“?

    • tina sagt:

      :))))
      came in here for that special offer, a guaranteed personality
      das lief sogar schom im coop, ich traute meinen ohren nicht….irgendwie schrecklich, aber andererseits sind halt die punks von früher nun die ladenkettenbesitzer von heute, nichtwahr. und die flughafenbeschallungsmannschaft. und der kulturminister von london. und so kams, dass der punk ein bisschen überall ist 🙂 eigentlich ja gar nicht so schlecht irgendwie

  • Urs Fellmann sagt:

    Diese Vermeidungsstrategie ist ein Ironie- Beitrag, nicht wahr, Ralf Schrader? Die Fähigkeit, Bilder und andere Dokumentationen seiner eigenen Geschichte mit etwas gelassenem Wohlwollen sich selbst gegenüber zu Kenntnis zu nehmen, dabei mit einer leichten Melancholie sich selbst zugestehen, dass ein verantwortungsbewusster Pragmatismus den raumgreifenden Idealismus der Jugend relativiert hat, das ist für mich eine Gabe des bewusst erlebten Älterwerdens.

  • Bleib Dich selbst sagt:

    Der Artikel wäre ja lesenswert.
    Doof ist dass der Mann der sich in der Geschichte als „alleinerziehende Mutter“ darstellt.
    Das hat nichts mit Ghostwhiter zu tun.
    Ist einfachdoof und unnötig gedruckt zu werden.

  • pinkpoet sagt:

    Lieber Miklos, einzig den letzten Satz glaub ich dir nicht, hättest du weglassen können…
    Lieber Ralf Schrader, ihren Worten kann ich nicht wirklich folgen…muss ein hartes Leben sein, das Sie führen. Zu meinen ersten Platten gehören die 2 Zeitlosigkeiten von Van Morrison (Veedon Fleece, Astral Weeks)…ich höre sie heute noch mit gleicher Hingabe – schade nur, dass Morrison nie einen guten Tonmeister gefunden hat für seine Vinylgeschichten…
    Und solche Geschichten gibt’s noch so einige, die mein Leben reich machen…die beste wohl, die Begegnung mit meiner Lebenspartnerin…und was daraus entstanden ist…Gegenwart entsteht immer aus dem Moment davor!

  • Max Berchtold sagt:

    Der Witz ist ja auch alt: Alt ist man, wenn man die Musik von Früher im Lift hört. Neu jetzt halt auch im Flughafen.

  • fufi sagt:

    Ich wusste, dass ich alt bin – ich war damals 38 – als mir ein Jugendlicher nachrief, ich sei ein „f*dummer Alter“.
    Das „f*dumm“ hat mich nicht im Geringsten betroffen.

  • Huldreich sagt:

    London Calling ist mir auch bei der Gepäckabfertigung zehnmal lieber als die ganze Sch…., mit der wir sonst dauernd und überall berieselt werden. Da merkt man, dass Clash zeitlos gute Musik gemacht haben.

  • dan zink sagt:

    Tja, so ist das mit dem älter werden; meine Erinnerung an Ende 70er, anfangs 80er; ‚Züri Brännt‘, geschrieben von Ray Fairbrother, Gründungsmitglied der ‚Dogbodys‘, Vorgänger von TNT mit Sara Schär. Zuerst ziemlich punkig unterwegs, dann eher den Teddy-Boys (zusammen mit Ray Fairbrother) zugeneigt, landete ich schlussendlich, um Miklos Gimes Text gerecht zu werden, bei der ‚Stadtbäckerei‘ (Boys in Blue). So spielt das Leben.

  • Ralf Schrader sagt:

    Man muss entweder Tagebuch führen oder an jedem Morgen kurz den letzten Traum skizzieren. Man ist umso älter, je mehr man an Vergangenes denkt oder von Vergangenheit träumt.

    Die Kunst des gesunden Alterns besteht darin, alle gegenständlichen Erinnerungen bewusst auszuschalten. Vergangenheit darf nur in abstrakter Verdichtung existieren. Wenn man auch nur einmal einen Blick zurück wirft, ein Bild aus der Jugend anschaut oder Musik aus der Zeit hört, ist man viel älter, als man es erlebt oder im Spiegel zu sehen meint.

    Am besten ist es, bildlichen und akustische Erinnerungen gar nicht erst zu erzeugen. Wenn man doch dem Fehler verfallen ist, ein Foto, ein Video, oder eine Tonaufnahme gemacht zu haben, darf man sich das auf keinen Fall jemals anschauen oder anhören.

    • tina sagt:

      :))))
      ich werde jetzt ganz sicher nicht aufhören, die musik zu hören, die ich mag, bloss um ja nicht alt zu sein

      • tina sagt:

        ausserdem mögen meine söhne zufällig inzwischen meine musik – was soll ich denn tun, wenn die hören, was ich mag :). mich alt fühlen? ja ok, das tue ich 🙂 „ja meine söhne, das haben wir früher gehört, als die welt noch schwarz weiss war und wir nur zuhause telefonieren konnten, an einem monströsen apparat mit wählscheibe“

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