Schön hässlich

Das hässlichste Haus der Schweiz steht in Zürich, genauer im Triemli-Quartier. Das Gebäude sieht aus, als habe jemand Schuhschachteln gestapelt.

Das Hochhaus im Triemli des Architekten Rudolf Guyer. (Foto: Urs Jaudas)

Man soll ja nicht anmassend sein, aber Gott hätte sich die Bestrafung der Babylonier sparen können. Das muss einfach mal gesagt sein aus Sicht eines Stadtzürchers im Jahr 2018. Klar, hinterher ist man immer schlauer, aber wir haben nun mal eine gewisse Erfahrung im Turmbau, die dem Vater im Himmel seinerzeit möglicherweise abging, weil das Streben in die Höhe noch primär eine Domäne der Metaphysik war. Es ist nämlich so:Wer einen allseits sichtbaren Turm baut, bestraft sich bisweilen selbst.

Die Geschichte von Babylon geht in der Kürzestfassung ja so: Menschen bauen Turm, Gott stiftet Sprachverwirrung, Menschen verstehen sich nicht mehr, Turmbau kommt zum Erliegen, Strafe vollzogen. Die Geschichte von Zürich ist etwas kürzer, aber nicht weniger heftig: Menschen bauen Turm, Menschen verstehen sich nicht mehr, Strafe vollzogen, Gott macht sonst was.

Weil diese zweite Erzählung etwas weniger bekannt ist, müssen wir zurückblenden zum 26. August 2013. An diesem Tag wirft die Sommersonne markante Muster auf den wetterscheckigen Sichtbeton des 15-stöckigen Wohnhochhauses am Triemli. Licht und Schatten wechseln sind ab, hell und dunkel, in geometrischer Perfektion, wie ein Stück konkreter Kunst steht der Turm da. Viele, die von unten hochblicken, sehen ihn an diesem Tag zum ersten Mal so. Der Grund: Die Sachverständigen der Stadt haben gerade bekannt gegeben, dass dieses Hochhaus ins Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen wird, zusammen mit anderen ausgewählten Bauten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Genau fünf Jahre auf die Kanonisierung folgt die totale Desavouierung. 19’000 Leser der Gratiszeitung «20 Minuten» wählen den Turm zum «hässlichsten Haus der Schweiz». Bang! Höchststrafe. Das Ding sehe aus, als habe jemand Schuhschachteln gestapelt, ätzt es aus der Kommentarspalte, das könne jeder Laie besser. Als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass die Verständigung gerade etwas gestört ist, meldete sich darauf der Architekt, der inzwischen 89-jährige Rudolf Guyer. Mit dem bemerkenswert undiplomatischen Statement: Das Urteil von Laien sei ihm egal. Hauptsache, den anderen Architekten gefalle der Turm. Nimm das, Babylon!

Wenn die Vorstellungen über das, was richtig und gut ist, derart auseinanderfallen, ist der erste Impuls, sich auf eine Seite zu schlagen. Möglichst nicht zu den Doofen. Und ich fand es angesichts der beliebigen Billighäuschen an jeder Ecke ziemlich doof, ein derart offensichtlich von Gestaltungswille geprägtes Gebäude zum hässlichsten des Landes zu erklären. Zudem hatte ich das Triemli-Hochhausvor Jahren als Instagram-Sujet entdeckt, das je nach Licht und Perspektive Bilder von schockierender Ästhetik lieferte. Ich nahm das also auch persönlich.

Ich hätte gewettet: Stünde dieser Turm als eine Skulptur im Museum, nur mannshoh und aus Bronze, fiele das Urteil anders aus. Und dann begriff ich: Beide Seiten haben recht. Was die Leute gegen dieses Gebäude aufbringt, ist nicht seine Form, sondern seine Grösse, seine Funktion und sein Material. Der Brutalismus, so heisst dieser Baustil, wollte zwar nicht brutal sein wie die Faust aufs Auge. Aber er wollte roh sein (französisch: «brut»), ehrlich, unverblümt. Und das ist sein Problem. Das Triemli-Haus ist eine Wohnmaschine, die sich einen Dreck drum schert, dem Individuum vorzumachen, es zähle etwas. Eine hässliche Wahrheit, die keiner hören will. Der Turm ist eine Zumutung – auch wenn es sich darin ganz gut wohnt.

Da hilft es auch kaum, wenn man die Leute dazu erziehen will, Baukultur als solche zu erkennen, wie ein irritierter Fachmann vorschlug. Zumal es die Architektur im Gegensatz zur Mode immer schwerhat, in der breiten Masse ein Interesse an avantgardistischen Ideen zuwecken. Nur schon, weil der Durchschnittsbürger etwas seltener ein schickes Haus kauft als eine schicke Hose.

GPS: 47.367440, 8.494905