Der Espresso kostet hier 1.50 Franken

«Who had thought that the cheapest coffee in town you get next to the Prime Tower»: Ein Besuch im EY Restaurant Platform.

Das EY-Gebäude links des Prime Towers Bild: Emanuel Ammon/AURA

Ob das ein Legastheniker-Restaurant sei, fragen sich der Karnivore und der Vegi, als sie beschliessen, ins Platform essen zu gehen. Dieses Wort schreibe man doch mit zwei «t». Erst als sie davor stehen, begreifen sie: That’s english, man.

Das Plätform (phonetisch geschrieben) befindet sich neben dem Prime Tower, im Haus der Beratungsfirma EY. Hier tragen zwei Drittel der Besucher Anzug (Frauen hat es nicht so viele), die geschätzte Hälfte spricht Englisch, teils mit originellem Akzent. Da die zwei kleidungsmässig stark abfallen, aber trotzdem nicht auffallen wollen, schalten sie sofort auf Englisch um.

Schon vor 12 Uhr zieht sich eine Spur aus Krawattenträgern vom Prime Tower ins Platform. Die Szenerie wirkt wie die Kulisse für ein Schweizer Remake von «Wall Street». Man stellt sich vor, wie sich die Banker und Anwälte zu gediegenen Business-Lunches treffen, bei denen sie vom feinen Sand an Offshorestränden schwärmen.

Unpassender könnte eine Fantasie nicht sein. Das Platform, ein Betrieb des Zürcher Frauenvereins (ZFV), entpuppt sich als hocheffiziente Verpflegungsmaschine, viel näher einer Studentenmensa als einem Sternerestaurant. Man steht ein paar Minuten an, fasst sein Tablett, arbeitet sich vor zur Essensausgabe. Mister Meat ziehts zum norwegischen Lachs mit Spinat und Kartoffeln (15.80 Franken); Mister Vegetable bedient sich am warmen Buffet, Karotten, Schwarzwurzeln, Reis, Kartoffelstock (14 Franken ein voller Teller).

Nach dem Zahlen folgt Ratlosigkeit. Nirgends ein freier Platz. Offenbar haben rund um den Prime Tower alle Punkt 12 Uhr Hunger. Zudem ist gerade «future day», jener Tag, an dem Kinder lernen, wie toll das Schaffen ist. Dazu gehört ein richtiges Kantinenessen.

Nach etwa zwei Minuten Herumirren ergattern sich die zwei eine Lücke an einem erhöhten Tischchen. Man sitzt eng und muss laut reden, um die Nachbarn zu übertönen, was diese wiederum zum Anheben der Stimme bewegt. Akustisches Wettrüsten.

Das Essen entspricht der Umgebung, solid materialisierte Kalorien. And? Fine? Fine! And you? A bit undersalted. That’s just what I like. Um sich nicht heiser zu schreien, konzentrieren sich die beiden aufs Beobachten der Mitesser. That’s probably not the higher Kader eating here, spekuliert der Vegi. Der Lachsvernichter nickt. This is the footpeople of the elite.

Je länger sie schauen, desto deutlicher sehen sie die Menschen hinter den Krawatten, desto mehr Unterschiede entdecken sie. Bei den Stoffen und Schuhen (die, falsch gewählt, den teuersten Anzug ruinieren können), bei den Manschettenknöpfen und Uhren. So viel symbolische Hierarchie, demokratisch zusammengepfercht; das sei amazing, findet der Vegi.

Später, in der Kaffeebar, erleben sie noch etwas viel Amazingeres: Der Espresso kostet hier 1.50 Franken. Really. Who had thought that the cheapest coffee in town you get next to the Prime Tower, sagt der Karnivore. As my mother said, from the rich you learn how to spare.

EY Restaurant Platform
Maagplatz 1,
Montag bis Freitag, 7 bis 17 Uhr,
Essen von 11 bis 14 Uhr,
Tel. 044 273 59 22

Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

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