Es gibt keinen Giga-Punkt

Jetzt ist es klar: Der Giga-Punkt ist nur Erfindung. Kauft den Frauen lieber Popcorn.

Der Giga-Automat im Sihlcity-Kinokomplex. (Foto: Beni Frenkel)

Bis zu meinem 20. Geburtstag bin ich nur dreimal ins Kino gegangen: «Otto – Der Film», «Die Supernasen», «Schindlers Liste». Beim Schindler-Film trug ich auf dem Kopf eine Kippah. Der Film lief in Wettingen in einem arrivierten Kino. Das hatte den Vorteil, dass die Leute kein Popcorn zur Judenverfolgung assen. Das hatte aber auch den Nachteil, dass es in diesem Arthouse nur eine Toilette gab.

Die Warteschlange vor dem Klo war in der Pause dementsprechend lang. «Mist», muss ich damals gedacht haben, «jetzt verpasse ich sicher noch das Ende des Holocaust.» Aber da geschah das Unglaubliche: Die Kinogänger sahen, dass ich eine Kippah auf dem Kopf trug. Vor lauter Schamgefühl traten sie zur Seite und liessen mich vorbei. Ich durfte als einer der Ersten auf die Toilette gehen.

Seitdem hat mich das Kinofieber gepackt. Paola Felix hat diese Faszination einmal gut beschrieben: «Seit die Bilder laufen lernten / läuft die Welt dir hinterher / Und im Glanze deiner Stars / da verblasst das Sternenmeer / Cinéma / Cinéeema!»

Wenn ich einmal sterbe, möchte ich, dass der Rabbiner an meinem Grab dieses Lied singt. Heute darf ich es sagen: Ich war vor vielen Jahren ein paar Monate lang Kinokritiker von «20 Minuten». Ich hätte in die Vorpremieren gehen müssen, um danach eine Rezension zu schreiben. Die Texte erschienen irgendwo im Nirwana von Link-Unterlink-Unterunterlink und so weiter. Niemand las das Zeugs. Das hat mich echt nicht befriedigt. Ausserdem liefen diese Vorpremieren jeweils am Vormittag. Da lag ich noch faul im Bett. So habe ich halt von zu Hause aus eine Filmkritik geschrieben. Es ist deswegen falsch, wenn die Leute immer behaupten, Fake-News gäbe es erst seit 2017.

Wo war ich? Richtig, auf diesen langen, roten Bänken in der Vorhalle des Sihlcity-Kinokomplex. Da sitze ich häufig ausgebrannt von der Arbeit oder von zu Hause. Ich will gar keine Filme mehr angucken. Viel zu laut, viel zu viel Popcorn und Handys. Ich sitze lieber auf den Bänken und beobachte die jungen Leute. Da lernt man einiges.

Mein Lieblingsplatz befindet sich vis-à-vis vom Giga-Automat. Im Giga-Automat baumelt eine Kralle von der Decke. Der Spieleinsatz beträgt zwei Franken. Wer ein ruhiges Händchen hat, fischt mit viel Glück ein Stofftier. Oder sagen wir lieber: könnte. Seit Jahren gucke ich jungen Männern nämlich zu, wie sie versuchen, ein Plüsch-Minion für ihre Freundin zu fischen. Ich weiss nicht, ob sich eine junge Frau wirklich danach sehnt.

Ich denke aber, dass der Giga-Automat in der Metaebene Folgendes darstellt: Junge Männer wollen mit der Kralle ausdrücken, dass sie den Giga-Punkt kennen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Glück haben, beschreibt der Term: p(x)=0. Meistens lachen sie dann irritiert oder fluchen. Manche geben dem Giga-Automat einen Fusstritt. Die Frauen trösten ihre Männer und sagen, dass es okay sei.

Ich habe auch schon erlebt, dass der Mann wütend geworden ist und die Frau anschnauzte. Das ist nicht gut. Ich weiss nicht, ob mich die jüngere Generation liest. Vielleicht kann ihnen jemand ausrichten: Es gibt keinen Giga-Punkt. Das ist nur Erfindung. Kauft euren Frauen lieber Popcorn.

Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

1 Kommentar zu «Es gibt keinen Giga-Punkt»

  • Achim Idarro sagt:

    Herr Frenkel, Sie sind ein Humorgott, ein vollumfänglicherer Woody Allen aus Zürich. Hören Sie bitte nicht so schnell auf mit Ihren Kolumnen. Ihre Zeilen bereiten mir (fast) jedes Mal ein Riesenvergnügen, chapeau!

    P.S. Ist das Bargeld, welches Sie in der Jugi Wollishofen versteckt haben, mittlerweile leserInnenseits abgeholt worden?

Kommentar

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