Normalität im Getümmel

Das Restaurant Reithalle ist ein Ort der puren Gelassenheit. Wohltuend normal, trotz Discokugel an der Decke.

Nüchtern, aber gemütlich: Das Restaurant war früher einst ein Reitstall. (Bild: PD)

Der Abend drohte zum Fiasko zu werden. Wie oft hatte ich mir schon vorgenommen, vor Weihnachten nicht gestresst zu sein. Mir nicht erst nach Samichlaus zu überlegen, ob die Mutter Freude an einer Bodylotion hat, welches Spiel das Patenkind noch nicht besitzt und welche Kinder-Bastelarbeit Verwandten gefallen könnte. Mich nicht am letzten Tag mit allen anderen, die unter chronischem Aufschieben leiden, ins Einkaufsgetümmel zu stürzen und genervt zu sein. Besinnlich wollte ich das Fest angehen, die vorweihnächtliche Stimmung in der Stadt geniessen und einmal in Ruhe auswärts essen.

In der letzten Woche vor Weihnachten war ich auf Kurs. So blieb Zeit für diesen besinnlichen Abend. Apéro am  Lichtfestival im Landesmuseum, danach ein frühes Nachtessen in der Reithalle an der Gessnerallee.

Doch bevor wir etwas vom Lichtspektakel gesehen hatten, war es mit der Beschaulichkeit vorbei: Menschenmassen drängten in den Museumshof. Die Lust auf Apéro war vergangen, Flucht in die Reithalle angesagt. Es konnte nur noch besser werden.

Und es wurde besser. Die Reithalle ist auch in dieser Zeit ein Ort der puren Gelassenheit. Wohltuend normal. Das Servicepersonal hat sich seit Jahren kaum verändert. Das Publikum ist noch immer bunt durchmischt, der ehemalige Stall mit den Holztischen am Rand und dem langen Gang nüchtern. Und: keine Spur von Weihnachten. Das metallene Pferd an der Decke und die Discokugel – eine Restanz jener Zeit, als samstags jeweils bis in die Puppen getanzt wurde – setzen Akzente.

Bei einem Glas Tocai (4.70 Fr./dl) und weissem Rioja (4.60 Fr./dl) stellen wir uns vor, wie die Gäule der Kavalleristen aus den Trögen Heu frassen und wo die Sättel hingen. Die Symbiose aus Tradition und Moderne funktioniert. Auch kulinarisch hat sich das Lokal glanzvoll dem Mix verschrieben. Das Thunfisch-Maguro (15.50 Fr.) schmeckt zusammen mit Ingwer und Wasabi rund. Der Speck über dem Nüsslisalat (13.50 Fr.) ist grosszügig tranchiert und kross im Biss.

Obwohl das Lokal vor sieben Uhr schon gut besetzt ist, werden die Hauptgänge zügig serviert. Die Kalbfleisch-Involtini (36.50 Fr.) mit Pilz-Frischkäse-Füllung überzeugen geschmacklich, sind aber eine Spur zu trocken. Die Luganighe (19.50 Fr.) hingegen besticht mit ihrer Zimtnote, die Hackfleischtätschli (26.50 Fr.) sind erstklassig gewürzt. Dasselbe gilt für den Reithalle-Klassiker Satay-Spiesse (26.50 Fr.) mit Basmatireis und Chili-Gurken-Salat. Dass das Fleisch beim Servieren nicht mehr ganz so heiss ist, lassen uns der umbrische Rossobastardo (48 Fr./7.5 dl) fast, der bittersüsse Schoggi-Chueche (8.50 Fr.) und die Crema Catalana (9.50 Fr.) mit Zitronennote ganz vergessen. Wir stossen auf eine entspannte Weihnachtszeit an.

Das wäre sie auch geworden, wäre mir nicht am Vorweihnachtstag klar geworden, dass das Geschenk für eine geliebte Person noch fehlte.

Restaurant Reithalle
Gessnerallee 8
8001 Zürich
Tel. 044 212 07 66
Mo bis Mi 11 bis 23 Uhr,
Do bis Fr 11 bis 24 Uhr,
Sa 12 bis 24 Uhr,
So 18 bis 23 Uhr. (1. bis 7. Jan. 2018 geschlossen)
Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

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