Das Glück hat uns gefunden!

Bei einer genüsslichen Tafel wird deutlich, dass wir einen dieser raren existenziellen Momente erlebten.

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Wäre es nicht anders gekommen als gedacht, würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, hier nun den dritten Teil der letztmals spontan ins Auge gefassten Stuben-Trilogie lesen – und somit erfahren, ob nach den köstlichen Abendessen in den Restaurants Köchlistube und Drei Stuben auch der Zmittag in der Stapferstube da Rizzo gemundet hat.

Das italienische Gastlokal im Kreis 6 (in dem vor langer Zeit auch Altmeister Jacky Donatz wirkte), war nämlich dazu auserkoren, das grande finale bestreiten zu dürfen. Darum standen wir da letzten Samstag kurz vor 12 Uhr vor der Tür, meine Begleiterin drückte die Falle runter, doch das massive Holzportal bewegte sich nicht. Da sie nicht die Kräftigste ist… nein, Scherz beiseite, nix Machogehabe, zumal ein solches eh obsolet gewesen wäre, denn längst hatten wir die Messingtafel mit den Öffnungszeiten entdeckt, auf der steht, dass man in der Stapferstube samstags ab 18 Uhr speisen kann. Auf der Website dagegen steht, das sei bereits ab 11.30 Uhr möglich. Yep, und genau darum kam es eben anders.

Wir zottelten danach nämlich im strömenden Regen durchs Hochschulquartier Richtung Central. Und als wir eben die Liebfrauenkirche passiert hatten und auf die Leonhardstrasse kamen, sahen wir sie – diese oasische, von klobiger Urbanität umzingelte nestähnliche Brache, die da irgendwie nicht hinzugehören schien, weil sie, auch wegen ihres Namens Kleine Freiheit, eher wie ein Hamburger Unikum wirkte –, und verknallten uns womöglich gerade deswegen Hals über Kopf in sie.

Minuten später hatten wir im gemütlichen Container-Beizli Platz gefunden und genommen. Und im «Endlich!»- Modus, in dem wir waren – endlich dem Nass entkommen, endlich an der Wärme, endlich essen und trinken! –, mussten wir uns entsprechend belohnen und bestellten das Grösste, was die Kleine Freiheit zu bieten hat. Es heisst «Alles zum Teilen», kostet 49 Franken und umfasst: einen Brotkorb (Gipfeli, Zopf, Kernenbrot) für zwei mit Butter, und Konfi, griechisches Joghurt mit Honig, eine halbe Grapefruit, Käse und Aufschnitt, zwei Ofeneier mit Kräutern und Käse, Porridge mit Zimt, Rosinen und Honig, Hummus und Babaganoush mit Fladenbrot, zwei Glas Orangensaft.

Es ist eine hochgenüssliche Tafel, die Okzident und Orient auf unaufgeregte Art vermählt (was übrigens auch fürs Interieur oder die Musik gilt); wer sie rübis und stübis aufisst, kann sich das Abendessen schenken.

So sassen wir zwei Stunden später satt und zufrieden da und waren uns bewusst, dass wir einen dieser raren existenziellen Momente erlebten, in denen es gar gelingt, eine der philosophischen Fragen von Fischli/Weiss zu beantworten (Antwort: Siehe Titel).

Kleine Freiheit
Weinbergstr. 30
8006 Zürich
Website

Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

6 Kommentare zu «Das Glück hat uns gefunden!»

  • Rolf Hefti sagt:

    Nach dem 4.3.2018 werden wir genauer wissen, wieviel Menschen das, in etwa, in Echt sind ? Danke an alle Beteiligten !

  • Asta Amman sagt:

    Charmant beschrieben. Ich habe ähnliche Erinnerungen an die Zürcher Fischerstube als Zuflucht an einem Regentag. Und „Kleine Freiheit“ ist ein grossartiger Name für das improvisierte Lokal in meinem Viertel. Trotzdem hat Herr R. recht. Es ist, selbst für Zürcher Verhältnisse, sackteuer. Weil: Container (wenig Miete). Und Selbstbedienung an der Bar (tiefe Lohnkosten).

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    …für 49 franken. ihr zürcher habt wirklich ne schraube locker! bei uns auf dem land gibts einen währschaften bauernbrunch für max. chf 35. aber mä häts ja in züri…

    • Thomas Wyss sagt:

      „Alles zum Teilen“, also alles durch zwei, ergo auch 49 Franken durch zwei, macht 24.50 Franken pro Person. Aber lieber austeilen statt nachdenken, das ist weniger anstrengend.

  • jane marple sagt:

    wenn ich schon nur den text auf der speisekarte auf dem foto lese, bekomm ich pickel! in bern wäre das charmant, weil man dort generell in der dritten person angesprochen wird, was sogar höflicher ist als das «sie» – aber wir sind keine berner!
    es handelt sich beim erwähnten lokal auch nicht um eine alphütte, sondern um ein in-restaurant (neudeutsch «resti») und dieses «du» ist ein aufgesetztes cool-sein-wollen…
    doch es ist nicht «cool» respekt und anstand gegenüber gästen aus einer gesellschaftlichen modelaune heraus, zu übergehen. ich dutze z.b. auch keine kellner/kellerninnen und zwar ganz einfach aus respekt! respekt gegenüber menschen, die in einem sehr strengen und zudem schlechtbezahlten beruf arbeiten.

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