Holzfällerstadt

Das Odeon gibt es nicht mehr, auch das Café Select nicht, am Limmatquai, wo die Beatniks in den frühen 1960er-Jahren sassen. Was geben wir weiter an die nächste Generation?

Der Kabarettist und Schauspieler Josef Hader. (Foto: Valerie Chetelat)

Letzten Samstag las ich im «Magazin» ein Porträt des grossen Wiener Kabarettisten Josef Hader. Morgen kommt «Wilde Maus» in die Kinos, Hader schrieb das Drehbuch, führt Regie und spielt die Hauptrolle – wenn er so weitermacht, könnte er der Woody Allen Mitteleuropas werden, das Talent hätte er dazu.

Der Artikel war von Doris Knecht, einer Journalistin und Schriftstellerin aus Vorarlberg, die seit Jahrzehnten in Wien lebt und Hader oft getroffen hat, auf organische Art sozusagen, weil sich ihre Wege im Wiener Kulturbetrieb kreuzten. Für uns Kiebitze draussen in der Provinz war ihr Text so etwas wie ein Guckloch in die Wiener Künstlerwelt, mit einem leisen Widerschein von Tratsch und Knatsch.

Man erfuhr, dass Hader in Kaffeehäusern schreibt, heute weniger als früher, im Café Eiles, im Café Rathaus. Ich sah ihn vor mir, über sein Notizbuch gebeugt, und fragte mich, wie man sich wohl fühlt, als Wiener, in einem Kaffeehaus zu sitzen und zu schreiben, wie das Generationen zuvor schon gemacht haben, bis zurück in die goldenen Jahre, zu Peter Altenberg und Karl Kraus oder Ernst Jandl.

Vielleicht haben diese Leute gar nicht alle in den Cafés geschrieben, aber es genügt, dass es sie gegeben hat. Was für ein Gewicht, dachte ich, diese Giganten auf den Schultern zu tragen, ihren Atem im Nacken zu spüren. Es muss schön sein, in ihrer Stadt zu leben, aber auch eine Belastung. Sie sind Vorläufer und Vorbilder, das strahlt bis ins Privatleben hinein.

Vielleicht können wir von Glück reden, dass wir das Problem in Zürich weniger haben, wir hatten Max Frisch und Hugo Loetscher, die Band Kleenex und das Künstlerduo Fischli/Weiss. Sicher auch andere, es geht nicht um Vollständigkeit, sondern um das Gewicht der Vergangenheit, um die Frage, ob man es in Zürich spürt.

Mit den Cafés wird in unserer Stadt immer wieder aufgeräumt, das Odeon gibt es nicht mehr, auch das Café Select nicht, am Limmatquai, wo die Beatniks in den frühen 60er-Jahren sassen. Ich frage mich, was wir weitergeben, an die nächste Generation. Im Vergleich zu Wien wirkt Zürich wie eine Holzfällerstadt, in der jeder neu anfangen kann.

Kürzlich traf ich einen Journalisten, der lange im Ausland gelebt hat. Er erzählte mir von Begegnungen mit alten Kollegen, sie hätten über Sparpläne und Budgetkürzungen geredet, er war ganz geknickt. Und sieht man ein paar Filmer zusammenstehen, unterhalten sie sich meist darüber, wer von der Filmförderung übergangen worden ist oder wie man beim Fernsehen zu Geld kommt. Vielleicht wird man sich an unsere Generation erinnern als eine, die vor allem mit dem kleinen Vorteil des anderen beschäftigt war.

Doch als Hader vorletzten Dienstag nach Zürich kam, um die «Wilde Maus» vorzustellen, haben wir unsere Neidereien vergessen. Er mischte sich frei unter die Kinogänger, hatte für jeden ein Wort, und am Schluss bildeten wir eine kleine nette Runde, lokale Verleger, Kabarettisten, Filmemacher, Verleiherinnen. «Man kann sich das gar nicht vorstellen», sagte jemand, «was der für eine Nummer ist, in Österreich, der Hader!» Nach der Sperrstunde ging er zu Fuss ins Hotel, einer der Filmer zeigte ihm den Weg, stiess das Velo neben ihm her. Wo gibts das schon?

Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

1 Kommentar zu «Holzfällerstadt»

  • Martin Roth sagt:

    Bitte AM ANFANG erwähnen, dass es sich hier um – teilweise steinalte – Beiträge handelt!!! Der erwähnte Film startete vor mehr als einem Jahr!!!

Kommentar

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