Sehnsucht nach der Agglo

Es gibt auch das Verlangen des Städters nach der Agglomeration. Sechs Punkte, die das eindrücklich belegen.

Gibt es  in der Agglo nicht: Lange Schlange vor dem Glaceladen. (Foto: Doris Fanconi)

Als ob die Sache nicht schon kompliziert genug wäre. Kürzlich hat Kollegin net in diesem Gefäss erläutert, warum Zürich für Agglobewohner schöner ist als für die Städter selbst. Ein Grund: Der Agglo erlebt als Gast die schönen Seiten der Stadt, muss im Gegenzug aber die Nachteile nicht ertragen. Diesen Spiess gilt es jetzt noch einmal umzudrehen. Nicht, um es extra kompliziert zu machen, sondern, um ein Thema anzusprechen, das heute selten diskutiert wird: die Sehnsucht des Städters nach der Agglo.

Sechs Punkte, die diese Sehnsucht belegen.

  • Die nächste Bar, das nächste Kino, der nächste Glaceladen liegen in der Stadt immer gleich um die Ecke. In der Agglo nicht, und das hat Vorteile. Bücher werden in dieser vorstädtischen Ereignislosigkeit – ganz egal, wo sie liegt – zu Fantasiemaschinen.
  • Auch Filme und Tonträger helfen über die Agglo-Ödnis hinweg. Es empfehlen sich solche, die sich um die Schicksalshaftigkeit von Randgebieten drehen. Um das Niemandsland als Ort mit poetischer Kraft. Beispielhaft sind Bruce Springsteen oder Arcade Fire, aber auch die Filme von Kelly Reichardt oder Xavier Dolan. Wer sich damit befasst, ist im Vorteil.
  • Eine in der Agglo verbreitete und in der Stadt verpönte Tätigkeit ist das Autofahren spasseshalber. Kühler geputzt, Musik aufgedreht. Alle Insassen mit der Hoffnung erfüllt, dass etwas Krasses passieren wird. Es geht nicht ums Ankommen, sondern ums Losfahren, ums Unterwegssein, ums Rundendrehen, ums Gesehenwerden und ums Sehen. Es ist ein typisches Agglogefühl und hat etwas symbolhaft Magisches. Einmal in der Grünstadt Züri angekommen, muss es einem ökologischen Bewusstsein weichen.
  • Eine ähnliche Poesie zeigt sich auch in der Landschaft. Es ist ein Gemisch aus Bürokomplexen, Wohnsiedlungen, Brachland, Wiesen, Tankstellenshops, Ausfallachsen, Einfamilienhäusern und Schnellimbissen. Beispielhaft dafür ist die Strecke entlang der Geleise im Zürcher Unterland. Für die einen ein städtebauliches Chaos. Für die anderen die ehrliche Antithese zum herausgeputzten Zürich.
  • Mit dem Umzug in die Stadt geht auch eine Verengung des eigenen Horizontes einher. Einmal in der schicken Stadtwohnung angekommen, umgibt man sich gerne mit Seinesgleichen. Teilt mit Freunden Studienrichtung, Modegeschmack oder Brunchrestaurantvorlieben. Deshalb lässt sich die Knappheit der Agglo noch einmal als Chance sehen: Am Eishockeymatch des lokalen Vereins oder im Pub rücken auch jene ausserhalb der eigenen Bubble ins Blickfeld.
  • Und schliesslich, um die Sache kompliziert zu machen: Die Sehnsucht nach der Agglo speist sich auch aus dem geschönten Blick auf die Stadt, der besonders dem ausgeschlossenen Agglobewohner innewohnt. Oder anders gesagt: Man möchte zurück in den Vorort, um die Stadt wieder anders, besser zu sehen. Es ist die Sehnsucht nach der Sehnsucht.

Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

17 Kommentare zu «Sehnsucht nach der Agglo»

  • Tom sagt:

    Bin ein grosser Fan von diesem Agglo-Blog: Zürich muss meiner Meinung nach sowieso grösser gedacht werden. Vor einigen Jahren bin ich von der Stadt (K11) in die Agglo nach Wädenswil gezogen. Natürlich ist vieles ein wenig kleiner und der öV ist leider noch nicht ganz so gut ausgebaut wie in der Stadt, aber im Sommer am See und auf dem Seeplatz stellt sich zuweilen ein urbanes Riviera-Feeling ein. Und die Stadt entwickelt sich immer mehr. Zudem sind die Angebote (Gastronomie, Geschäfte, Sport-/Bademöglichkeiten, etc.) gerade für junge Leute hervorragend. Das Lustige dabei: Ich fühle mich immer noch als Stadtzürcher; die S-Bahn ist sozusagen sozialer Austauschort und „Lifeline“.

  • Rolf Hefti sagt:

    Bin Fan einer Eingemeindung des ganzen Kanton Zürich zum Kanton Züristadt = 1.5 Millionen Einwohner , Stadtgebiet des inneren S – Bahnnetzes. Agglomeration sind nun die umliegenden Gebiete. Die Stadt entspräche so ihrer Realität von heute. Wir sind das Wien der Schweiz, alles andere ist veraltete Folklore. Wenn SP und Co. uns in die EU reingepresst hat, wird so eine Eingemeindung irgendwann zum Thema werden müssen, da bin ich zu 100 % überzeugt. Googeln zeigt, Deutsche Städe haben im Durchschnitt eine viel grössere Fläche als Schweizer Städte, der totale* Sieg der Progressiven wird sicherlich irgendwann auch deren Gewohnheiten durcheinanderwirbeln müssen. *(Zusammenbruch der Hoffnung von uns Unterschichten, dass die Bewahrung der bisherigen Schweiz, durch Wählen überhaupt möglich ist. =EU)

  • Peter sagt:

    Ich bin auch von Zürich weggezogen. Seit dem sehe ich wie elend langweilig meine Heimatstadt geworden ist. Es leben nur noch expats, yuppies (hergezogen von bern, st.gallen ect..) und den üblichen schippis. All meine alten Kollegen wohnen in der Aglo, da sie durch die Gentrifizierung rausgeeckelt wurden.. es leben die „Städter“….

    • tststs sagt:

      Sie wohnen nicht mehr in Züri, wissen aber genau, wie es heute ist, hier zu leben?

      • Peter sagt:

        Meine Eltern wohnen noch in der Stadt Zürich, da ich wie bereits erwähnt, hier aufgewachsen bin.
        Ich nehme mal an sie kommen aus dem Argau oder dem Zürcher-hinterland…

        • tststs sagt:

          Müssen Sie nicht nochmals erwähnen, habe es bereits beim ersten Mal verstanden (aka „…wohnen nicht mehr…“)
          Kommen tu‘ ich aus einem anderen Kanton, wohnen tu‘ ich in Züri. Und eben, auch ich besuche meine Eltern in meinem Heimatdorf und trotzdem masse ich mir nicht an zu wissen, wie es ist, heute dort zu wohnen. 😉

  • Guido sagt:

    Suess dass Ihr Zuerich eine Stadt nennt. Ein groesserer Ort. Vielleicht!

  • Marsbar sagt:

    Nein, liebe Städter,bleibt da wo Ihr seid..
    Kaum angekommen,stören euch die Kuhglocken,das Kirchenglockengeläut,in lokalen Vereinen,Ortsfeuerwehren etc. beteligt Ihr euch so gut wie gar nicht,Ihr werdet euch an die frisch gespritzte Gülle nerven auf den Felder,den Traktor auf der Überlandstrasse wünscht ihr in die Hölle..
    Nein,bleibt in der Stadt und nervt euch umgekehrt an uns..ist besser so.

  • Othmar Riesen sagt:

    Und wie war das nochmals mit dem täglichen Pendeln?
    Beste Grüsse
    O.R.

  • Kai Hawaii sagt:

    Ich wohne seit 35 Jahren ca. 10 Minuten Fussweg vom Bellevue entfernt. Gestern im Quartierspunten meines Vertrauens ein halbes Stündchen die TV-Übertragung vom Sächsilüüte verfolgt: Die Provinzität bereitete mir schwere Pein. Mein Umzug in die Agglo rückt näher.

  • Phil sagt:

    Na ja: Heute Morgen bin ich aufgewacht, draussen war der Himmel blau und die Alpen haben in der Morgensonne rot geglüht. Vom Zürcher Oberland bin ich dann in die Stadt gefahren. Lauter Anzugträger die im Nebel herumstochern – alles Grau in Grau wie im Film Momo. Zürich ist kein Sehnsuchtsort. Es ist eine hübsche praktsiche Stadt. Sehnsucht habe ich nach Meer und Bergen. Primetower, selbstbezogene Szenies und überfüllte Strassen können mir eigentlich gestohlen bleiben.

    • tststs sagt:

      Also ich weiss nicht, ich konnte heute morgen auch die Sonne und die beglühten Alpen sehen. Und dann bin ich von der Stadt ins Zürioberland gefahren 😉

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    …ziemlich borniert halt wieder… – ich wiederhole mich – an alle stadtzürcher – bitte-bitte in der stadt bleiben!
    erlauben sie mir noch ein scherzchen – „fragt der sohn den vater – du papi – was heisst sympathisch – kei ahnig, min sohn, mir sind zürcher!“
    sagt alles.

    • Alex sagt:

      Bestimmt lästig, diese ständige Komplexbewältigung. Der Städter möchte bestimmt auch aufs Land, da er sich in der Stadt vor lauter Ostschweizer- und Aargauerdialekt und Hochdeutsch nicht mehr heimisch fühlt. Aber böse ist natürlich der Zürcher, der schon immer in der Stadt war und sich an nichts störte, bis man ihm den Lebensraum stahl. Nur, das ginge euch Landeier nicht anders, nicht wahr?

    • tststs sagt:

      Unsympathisches gibt es hüben wie drüben…
      Und ich bin fast versucht an Ihre Adresse, werter Rittermann, zu richten: q.e.d. 😉

Kommentar

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