Enjoy your life

Der Stadtblogautor mag den Friedhof Schwamendingen. Hier liegen Menschen wie du und ich.

Was ist das Wichtigste im Leben? (Foto: Adrian Moser)

Wenn es heiss ist, bieten Friedhöfe eine willkommene Abkühlung. Mächtige Eichen spenden Schatten. Auf den Bänken liegt wenig Abfall. Ein laues Windchen, ein vergnügt dahinplätschernder Brunnen und emsige Friedhofsgärtner lenken den Grossstädter etwas ab. Ich befinde mich gerade im Schwamendinger Friedhof.

Zürich ist ja bekannt für seine berühmten Toten, die in Kilchberg (Thomas Mann), Fluntern (Elias Canetti), Sihlfeld (Gottfried Keller) dahinschlummern. Und ein Buch («Berühmte und vergessene Tote auf Zürichs Friedhöfen») durfte sogar schon seine zweite Auflage erleben.

Da ist der Friedhof Schwamendingen von ganz anderer Natur. Hier liegen Menschen wie du und ich. Ich mag diesen Friedhof sehr. Die Schwamendinger wollen keine frommen Sprüche auf ihren Grabsteinen sehen. Nur hier gibt es Grabsteine mit einem Ferrari, einem Citroën DS, einem Motorflugzeug, einer Handorgel, einem Fussball, einer Angelrute, einem Velo oder einem Lastwagen.

Das war den Menschen in Schwamendingen halt das Wichtigste im Leben. Ich denke, Victor Giacobbo war häufig auf dem Friedhof Schwamendingen, bevor er Harry Hasler skizzierte.

Ich sitze hier auf der Bank und überlege: Was ist mir eigentlich das Wichtigste im Leben? Sind es die Kinder, die Briefmarkensammlung oder die Bücher? Das sind alles ganz wichtige Dinge. Auf dem Grabstein will ich eine Packung Chips.

Im Unterschied zu den anderen Friedhöfen stehen hier in Schwamendingen auch keine Ermahnungen an die Lebenden, was noch alles zu tun ist im Leben. Ein Grabstein hofft nur leise: «I eure Herze läb ich wiiter.» Ein anderer Grabstein spornt uns dafür an: «Enjoy your life.» Wie schön wäre es doch, wenn dieses Motto auf allen Gräbern stehen würde.

Eine ältere Frau kommt vorbei. «Grüess Gott!» Langsam läuft sie weiter. Ich sehe ihr noch lange hinterher. Zwei kleine Spatzen hüpfen vor meiner Bank und gucken mich an. Ich habe nur Käse und Coca-Cola in der Tasche. Schwirrt ab! Ächzend erhebe ich mich vom Sitzplatz und mache noch eine kleine Runde.

Zwischen den vielen Gräbern entdecke ich eins mit einer chemischen Formel drauf. Wahrscheinlich liegt da ein Chemiker oder ein Gymilehrer mit der letzten Hausaufgabe. Aber definitiv liegen hier mehr Katzenliebhaber als Chemiker herum. Auf jedem zweiten Grabstein sehe ich ein Büsi! Die Katze geht vielleicht nach Wallisellen, aber geboren ist sie in Schwamendingen.

Viele Paare hier teilen sich ein Grab. Zwei Schwäne oder zwei Herzen zieren das Grab. Wahrscheinlich ist das immer noch günstiger als zwei Einzelgräber. Für mich kommt das aber nicht infrage. Wenigstens nach dem Tod will ich meine Ruhe haben. Erst gestern habe ich mich wieder mit der Frau gestritten. Über was? Das will ich hier gar nicht näher erörtern. So viel Intimsphäre muss sein. Der Punkt ist aber der: Irgendwann ist einfach Schluss mit dieser ewigen Nörgelei!

Mir gefällt ein anderer Grabstein: Zwei Badenixen liegen am Strand und blicken auf die Abendsonne. So einen Grabstein will ich auch! Und darunter muss stehen: «Enjoy your life.»

Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

2 Kommentare zu «Enjoy your life»

  • Hans Hasler sagt:

    Ich liebe die Friedhöfe der Stadt. Was mir aber noch nicht klar ist: Liegen die Badenixen dann auf der Packung Chips? Werden die Badenixen mit den Chips belegt? Gibts auch noch Essiggurken dazu?
    So oder so – die Ehefrau stört die Idille definitiv 😉

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    i fully agree. das am wenigsten deprimierende an schwamendingen ist i.d.t. der friedhof.

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