Tipps für den Neo-Agglo

Zwölf Ratschläge wie die Akklimatisierung nach dem Umzug in die Küsten-Agglo gelingt.

Immer schön grüssen: Buschauffeure in den Agglo-Gemeinden. (Bild: Urs Jaudas)

Vergangene Woche verkündete Kollege Nussbaumer, dass sein Vorhaben, von Zürich in die Agglo zu ziehen, (endlich) konkret wird. Dieser Umstand scheint ihm einerseits literarische Flügel zu verleihen. Er schrieb von der «Agglo mit ihrem weniger gepützelten Charme» – ein treffender Ausdruck. Anderseits war zwischen den Zeilen ein Hadern zu vernehmen. Da kann ich nur sagen: Das ist völlig normal, dieses mulmige Gefühl hatte ich vor vier Jahren vor meinem Umzug in die Agglo auch.

An dieser Stelle will ich nun dem Kollegen mit einer Anleitung unter die Arme greifen. Damit das Unternehmen gelingt. Zuerst muss geografisch eingeengt werden. Er hat die neue Ortschaft noch nicht enthüllt. Aber er erwähnte, dass «der See» künftig näher sein wird. Da ich weiss, dass für Zürcher der Greifensee und der Pfäffikersee sozusagen Aqua incognita sind, gehe ich davon aus, dass er den Katzensee meint. Scherz beiseite. Es ist wohl der Zürichsee. Und da kenne ich mich als Pfnüselküstler aus. Meine Tipps:

  • Nett sein zu den Einheimischen. Auch wenn sie misstrauisch sind. Nicht überall «Zürich»-Kleber hinpappen.
  • Dem Busfahrer, der jeden Morgen einen schönen Tag wünscht, «gleichfalls, danke» zurufen. Man fällt zwar auf. Aber den Chauffeur freuts.
  • An die Gemeindeversammlung gehen – und sie geniessen. Die GV (so sagt man dort) ist wie das Rütli, nur mit strammeren Männern. Dort kann es sein, dass auch 500 Jahre nach Zwingli der Pfarrer das Wort ergreift. Und überraschende Ideen einbringt, auf die bisher nicht einmal links-grün-alternativ-urbane Städter gekommen sind: zum Beispiel jedes Jahr 50 Franken an jene auszuschütten, die kein Auto haben. (Frau Mauch, übernehmen Sie!)
  • Sich am GV-Apéro nicht vom erstbesten Lokalparteichef anheuern lassen. Aber höflich bleiben, er hockt vielleicht in einer wichtigen Kommission.
  • Sich am Apéro nicht wortreich wundern, dass das Dorf zwar mehr Einwohner hat als der Kanton Appenzell-Innerrhoden, aber kein Parlament.
  • Es nützt auch nichts, anzumerken, dass das Dorf mehr Einwohner hat als neun Kantonshauptstädte wie Aarau oder Solothurn. (Es gibt am See allerdings auch kleinere Dörfer als Horgen.)
  • Sich nicht wundern, wenn sich Männer im Wahlkampf «Wide», «Joggi», «Grübi» oder «Cheesy» nennen. Sie haben ganz normale Namen, aber in der Beiz kennt man sie so. Die Politsprache ist ohnehin interessant: So wirbt die SP mit dem Slogan «Demokratie – mit scharf und alles».
  • Wettern gegen Schiffsfünfliber oder Hornverbot kommt immer gut an.
  • Sich nicht wundern, wenn der tiefe Steuerfuss wichtiger ist als genügend Schulraum oder ein neues Hallenbad.
  • Cool bleiben, wenn sich zu Hause das Papier stapelt, weil es nur alle fünf Wochen abgeholt wird. Dafür kommen Pfadis, Sportler oder andere mit Lokalkolorit. In der Agglo tun sie auch nicht so blöd wegen des Kartonbündelns.
  • Sich (im Sommer) freuen, dass es in der Agglo spürbar kühler ist als in der Stadt. Der Smog wärmt eben.
  • Jeden Tag auf der schönen S-Bahn-Fahrt entlang des Sees frohlocken. Ferien werden überflüssig!

Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

7 Kommentare zu «Tipps für den Neo-Agglo»

  • Peter sagt:

    Ich bin vor zwei Jahren nach Shanghai ausgewandert und geniesse es seither sehr, in der zürcher Agglo zu leben. Ist sehr schön. Meine Schwester ist vor zwei Jahren nach New York ausgewandert und geniesst es seither auch sehr, in der zürcher Agglo zu leben. Sie findet es auch sehr schön.

  • Stefan Moser sagt:

    Sehr hübsch – sage ich als Agglobewohner im Kanton Solothurn.

  • Stefan Schaerer sagt:

    Horgen hatte übrigens schon einmal ein Parlament, nämlich von 1927 bis 1938. Das hat aber nicht so richtig funktioniert, und so ist Wädenswil heute die einzige Zürcher Seegemeinde mit Parlament.

  • clbr sagt:

    Ich habe vor einigen Jahren eine Weile (als ansonsten Stadtzürcherin) in Wildberg gewohnt. Habe mich dort trotz (oder gerade wegen) der Kirchenglocken sehr wohl gefühlt. Ausseerordentlich gut gefallen hat mir, dass alle grüssten, wenn sie in den Bus einstiegen, und alle, die mit dem Auto Richtung Turbenthal fuhren, einen an der Bushaltestelle fragten, ob man mitfahren wolle. Aber Wildberg ist vermutlich nicht Agglo, das ist wohl schon richtig auf dem Land.

  • Olivia Brunner sagt:

    gähn. Klischee komm‘ raus du bist umzingelt.

  • Hannes Müller sagt:

    Es ist nicht der Smog, der wärmt. Sondern schlicht die Dichte von Bauten. Aber vielleicht lernt auch ein Städter mal, dass nicht alles so ist, wie es in der Stadt geglaubt wird.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ja. lustig. nochmals – an alle stadt-zürcher – bitte bleibt wo ihr seid! bitte-danke.

Kommentar

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