Flirt-Nachhilfe für Zürcherinnen

Das Schweigen der Männer - wie Frau sich auf den Flirtsommer nach #MeToo vorbereitet.
Flirten ist peinlich - verstecken Sie sich trotzdem nicht.

Flirten ist peinlich – verstecken Sie sich trotzdem nicht.

Männer scheinen sich in Zeiten von #MeToo ein wenig zurückzuhalten, was das Flirten im Sommer angeht, wie  meine Kollegin Bettina Weber festgestellt hat. Ihre Tipps an die Männer erschienen mir in einer Zeit der Gleichberechtigung etwas einseitig. Darum hab ich sie hier mit ein paar Tipps an Frauen ergänzt.

Selbst-  und Fremdwahrnehmung

Inzwischen weiss auch der letzte Neandertaler, dass Sie, holde Weiblichkeit, Ihren Mini oder Ihre Hotpants nicht für die Männer, sondern für Ihr persönliches Wohlfühlen anziehen. Das ist Ok, kein Problem damit. Nur bewegen Sie sich damit nicht in luftleeren Gefilden, sondern im öffentlichen Raum einer offenen, gemischten Gesellschaft. Ein Teil dieser Gesellschaft besteht aus Männern. Diese wiederum schauen gerne attraktive, leichtbekleidete Frauen an. Das ist nicht böse.

Wenn Sie sich also morgens anziehen, sollten Sie sich fragen, ob Sie sich unter den Blicken anderer Menschen wohl fühlen, oder ob Sie den Rest des Tages Ihren Mini nach unten Zupfen, weil er zuviel Aufmerksamkeit erregt. Sonst wird es nichts mit dem Wohlfühlen. Und ehrlich: Schauen ist auch Männern erlaubt.

Die Kommunikation

Schweigen Sie nicht. Männer sind keine Gedankenleser. Sprechen ist übrigens der Teil des Denkens, der laut aus dem Mund kommt. Sagen Sie «Danke!» auf ein Kompliment, oder – Jessas! – machen Sie selbst mal ein Kompliment, auch wenn Sie den Typen vielleicht gar nicht näher kennenlernen wollen. Sie hätten damit einem Mitmenschen den Tag versüsst. Und das wiederum macht Ihren eigenen Tag besser. Versuchen Sie’s!

Der Augenkontakt

Ein grosser Teil der nonverbalen Kommunikation besteht aus Augenkontakt. Daraus können beide Geschlechter Stimmung und Reaktionen entnehmen. Also legen Sie um Himmels Willen die Sonnenbrille ab, wenn Sie flirten wollen. Wenn Sie etwas sagen möchten, sagen Sie es auch mit den Augen. Das macht vieles einfacher. Ich weiss, es ist anstrengend, mit Menschen in Kontakt zu kommen, vor allem in einer Stadt. Aber das ist es, was zwischen Menschen im echten Leben so passiert: Man interagiert auf einer emotionalen Ebene, die über Whatsapp oder Instagram hinausgeht. Flirten geht nun mal nicht ohne beschleunigten Herzschlag

Das Lächeln

Sie wissen schon, das ist dieses Ding mit den Mundwinkeln, dieses Verziehen des Gesichts, um positive Signale auszusenden. Das ist übrigens keine Einladung zum Sex, sondern normale soziale Interaktion. Selbst eine Abfuhr ist mit einem netten Lächeln besser zu verkraften, als mit einem kalten Eisblick. Und Männer, die das Flirten noch nicht aufgegeben haben, müssen einige Abfuhren verdauen. Da trotz Emanzipation die Last der Kontaktaufnahme noch immer beim Mann liegt, hat ein durchschnittlicher 20-Jähriger bereits mehr Zurückweisungen erhalten als eine durchschnittliche 60-Jährige in ihrem ganzen Leben. Und wenn Sie auch mal abgeblitzt sind, wissen Sie, wie verletzend das sein kann. Also, seien Sie nett und packen Sie ihren Korb in ein Lächeln.

Die Doppelstandards

Selbst der allerdümmste Anmachspruch kann wirken, wenn der Mann wie ein Filmstar aussieht. Er kann dumm wie Brot sein, wenn er dafür attraktiv und selbstbewusst auftritt. Hingegen kann auch der eloquenteste, geistreichste Bonmot von Ihnen abprallen wie ein krankes Vögelchen und dem Absender vor den Füssen verenden, wenn dieser nur 160 gross und etwas rundlich ist. Seien Sie sich Ihrer Doppelstandards bewusst. Und versuchen Sie nicht jedem freundlichen Mann, der nicht Ihrem Ideal entspricht, zu vermittelt, dass er nicht in Ihrer Liga spielt. Das ist nicht nur gemein, das ist unsexy.

Verbaler Austausch

Wir Männer wissen nicht, dass auch Sie unsicher sind. Wir aber sind es. Egal, wie cool wir nach aussen hin wirken, wir machen uns jedesmal, wenn wir eine Frau ansprechen, beinahe in die Hosen. Wenn wir also so vor Ihnen stehen und unsere hundertmal zurechtgelegten Worte stottern, stottern Sie bitte zurück. Zu sehen, dass beide beteiligten Parteien unsicher sind, nimmt die Peinlichkeit der eigenen Zulänglichkeit aus der Situation. Die Entspannung könnte sogar zum einem gemeinsamen Lächeln führen. Soll schon passiert sein.

Die Eisschale

In Zürich bewegt man sich als Frau im Alltag mit einer gewissen Abwehrhaltung. Man will nicht von irgendwelchen Spinnern oder Schleimbeuteln angemacht werden und zeigt das von dem Augenblick, in dem man aus der Haustüre tritt bis zum Zeitpunkt, in dem man sich wieder in sicheren Gefilden bewegt. Öffentlicher Grund ist Feindesland. Das Problem ist, dass diese Attitüde zum Default-Setting wird, ohne dass Frau das bemerkt. Eine verführerische Pose ist noch keine Kommunikation. Nicht mal ne Einladung dazu.

So kann Frau auch im Ausgang oder bei einer gemütlichen Grillparty wie die kühlere Schwester der Eiskönigin wirken. Das führt dazu, dass  frau sich, obwohl attraktiv, und eigentlich für einen Flirt bereit, bei der besten Freundin ausweint, weil niemand sich zu interessieren scheint. Das ist nicht so. Wir Männer sind einfach inzwischen so weit, dass wir ohne offensichtliche Flirteinladung nichts unternehmen. Sich für einen Flirt zu öffnen ist ein aktiver mentaler Vorgang und zeigt sich im Gesicht und den Augen (siehe oben).

Die Eroberung

Sollten Sie sich mental noch in den 50ern befinden und «erobert» werden wollen, vergessen Sie’s. Zur Zeit ist es für einen Mann einfach nicht opportun, sich zu nachdrücklich einzubringen. Wir lassen es aus Gründen des Selbstschutzes dann einfach bleiben. Sie sind keine Prinzessin, Ihre Aufmerksamkeit ist kein Geschenk. Männer geben etwas, Frauen geben etwas – auf Augenhöhe. Wenn Sie sich selbst als Beute oder Gewinn betrachten, als etwas, das man «gewinnen» muss, objektivieren Sie Sich selbst. Das wiederum zieht dann auch Männer an, die Sie besitzen wollen – und führt zu schlechtem Sex mit verheulten Augen und langen Telefonaten mit den besten Freundinnen.

Der erste Schritt

Sie können den ersten Schritt machen. Und Sie müssen dazu weder geistreich noch eloquent sein. Als Frau haben Sie den Vorteil, dass ALLES was Sie als erstes zu einem fremden Mann sagen, ungeheure Wirkung erzeugt. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn der Mann im ersten Augenblick überfordert ist. Wir sind uns das nicht gewohnt. Versuchen Sie’s es mit einem Lächeln und einem «Hallo» und geben Sie Ihrem Gegenüber Zeit, sich vom Schock zu erholen.

So, damit sollten einige Schwierigkeiten für den Flirtsommer ausgeräumt sein. Jetzt brauchen Sie nur noch den Mut, sich auf andere Menschen einzulassen. Das kann ich Ihnen nicht abnehmen.