Schnell daheim nachsehen

Zum Brunch ins Kafi Dihei, wo zum Glück alles noch so ist, wie es war.

Als Zürich noch neu war und grösser schien, als es ist, war dieses Café ein Zufluchtsort. Es stand für das Staunen, das einen bei einer Stadt immer begleitet: dass da, an den verborgensten Stellen beziehungsweise weit weg von dem, was man gemeinhin unter Zentrum versteht, etwas Schönes wächst. Die immergrünen Schlingpflanzen an der Hausfassade etwa. Und allmählich auch ein neues Heimatgefühl.

Jahre später, direkt aus den Ferien und mitten in der Woche, sind wir also wieder einmal zu Besuch im Kafi Dihei, unweit des Idaplatzes im Kreis drei. Hier kann man bis vier Uhr nachmittags brunchen, nicht nur an den Wochenenden. Wir setzen uns in den Garten direkt an der Strasse, die keinen Verkehr kennt, es ist schönstes Herbstwetter und warm – überall, nur nicht hier. Denn jetzt erinnert man sich wieder: Das Café liegt leider meistens im Schatten. Die Chancen auf einen freien Platz an einem Samstag oder Sonntag erhöht das nicht, aber das kümmert uns grad wenig: Es ist ja Mittwoch. Der Storen ist trotzdem ausgefahren, Spatzen kratzen aufgeregt über den aufgespannten Stoff. Jemand wirft Essensresten herunter, nach denen sie picken.

Wir bestellen, nachdem wir schon einen Kaffee getrunken haben: ein «Grosses Z’Morge Dihei» mit hausgemachtem Brot, einem Gipfeli, Käse, Schinken, Ei, Minijoghurt und Butter (20.50 Fr.) und Waffeln mit Lachs, Avocadostampf und Kräutercreme (21.50 Fr.), dazu nochmals Kaffee und Wasser. Es fällt auf, dass die wenigen anderen Gäste fast nur Frauen sind, die ohne Begleitung gekommen sind. Und weil man, trotz vieler freier Tische, auf relativ kleinem Raum beieinandersitzt, sind wir weniger fremde Personen denn erwachsene Töchter, die wohl alle den gleichen Gedanken hatten: mal schnell daheim vorbeigehen und nachsehen, ob alles noch ist, wie es war.

Die Serviererin kommt und bringt das Essen, das grosszügig auf blauverzierten Tellern und in weissen Schälchen angerichtet ist, alles liebevoll zu einem Bouquet assortiert. Die Zürcher Eigenheit, sich gegenseitig zu duzen, ist hier nur die logische Konsequenz eines Versprechens, das im Namen des Cafés liegt, in der wohnzimmerartigen Einrichtung drinnen und in der Freundlichkeit des Personals sowie der Umgebung.

Eine Katze springt zur Freundin auf die Bank und setzt sich aufrecht neben sie. Weil sie nicht die gewünschte Zuwendung erhält, fasst sie mit der Pfote nach einem leeren Kaffeerähmli auf dem Tisch und wirft es zu Boden. Zwei Frauen am Nebentisch, eben gerade gekommen, lachen entzückt. «Katze, geh zu denen, die wollen dich streicheln», sagt die Freundin, und niemand ist wirklich darüber erstaunt, dass die Katze auch tatsächlich gehorcht.

War alles gut bei euch?, will die Kellnerin wissen, als sie die Teller abräumt. Ja, klar. Aber das wussten wir schon vorher – es ist zum Glück alles noch so, wie es war.

Kafi Dihei, Zurlindenstrasse 231, 8003 Zürich
Mo und Mi–Fr 8.30–22 Uhr, Sa und So 9–18 Uhr. Dienstag Ruhetag.
Tel. 044 557 43 48
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Die Stadtblog-Kolumnisten sind vom 16. Juli bis am 26. August in den (leicht verlängerten) Sommerferien. Während dieser Zeit erscheint hier ein Best-of von bereits publizierten Blog-Beiträgen.

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