ER hat es geschafft

Wer eine Reise mit dem Zug macht, der kann etwas erzählen. Erst recht, wenn man vis-à-vis von zwei Studentinnen sitzt.

Keine Zugfahrt gleicht der anderen. (Foto: Reto Oeschger)

Seit ein paar Wochen arbeite ich bei der «Luzerner Rundschau». Das ist eine Wochenzeitschrift mit Sitz in Luzern. Ich fahre jeden Morgen mit der S 24 von Wollishofen nach Thalwil und dann mit dem Interregio nach Luzern. Keine Fahrt gleicht der anderen. Mal stinkt es im ganzen Zug nach Toilette, mal streikt die Lüftung. Manchmal befinde ich mich aus Versehen im Familienabteil, manchmal sitze ich vis-à-vis von zwei Studentinnen: Die beiden Frauen studieren Jura im dritten Semester. Sie quatschen ununterbrochen von Thalwil bis Luzern. Beide sind Expertinnen im Multitasking: In ihren Ohrmuscheln stecken Kopfhörer. Sie hören Musik und plappern immerfort. Das hat die unangenehme Folge, dass die beiden lauter reden müssen, um sich zu verstehen. Das Gespräch ist so laut, dass wir jedes Wort verstehen.

Die Studentin am Fenster war kürzlich bei ihrer Frauenärztin. Es ging um ihre Periode. Sie habe immer mega Schmerzen, brüllt sie ihre Kommilitonin an. Die Ärztin musste ihr nach einer längeren Abklärung mitteilen, dass sie wahrscheinlich nie Kinder kriegen wird. «Wirklich?», schreit die Studentin am Gang. «Fuck, ja!», kreischt die andere. «Fuck, warum?», «Fuck, meine Eierstöcke sind verklebt!»

Ich schaue aus dem Fenster. Wir sind erst in Zug. Die Reise dauert noch 20 Minuten. So lange muss ich noch leiden. Ich bin der Einzige im Abteil ohne Smartphone. Ich habe nur eine Zeitung als Ablenkung. Aber die hilft jetzt nicht.

Ich öffne eine Tüte M & M’s. Sie war eigentlich für die Rückfahrt vorgesehen. Als Belohnung. Ich beschliesse jetzt aber, bei jedem Fluchwort der beiden angehenden Juristinnen ein M & M’s zu essen. Ich muss schnell essen. Beim Rotsee ist die Tüte leer.

Geht es noch schlimmer? Aber ja doch. Auf der Fahrt nach Hause sitze ich im Viererabteil. Auf den anderen drei Plätzen: Vater, Mutter, dickes Kind. Das dicke Kind hält eine Riesenpackung Pommes frites in den Händen. Es lacht aus unerklärlichen Gründen die ganze Zeit und schiebt immer ein einzelnes der Pommes frites in den Schlund. Dann schleckt es jedes Mal die fettigen Finger mit der Zunge ab und trocknet die Daumen an der Hose oder am T-Shirt.

Ich schliesse die Augen. Wenn Gott mich ärgern oder strafen wollte: ER hat es geschafft.

41 Kommentare zu «ER hat es geschafft»

  • tigercat sagt:

    In solchen Fällen wie mit den Studentinnen ist sich ablenken wollen die völlig falsche Taktik. Man muss sich voll auf diese beiden einlassen, ihrem Gespräch wirklich ganz interessiert zuhören, Augenkontakt mit der jeweils sprechenden suchen, passende Mimik nicht vergessen.
    Glauben Sie mir – das hilft.

  • Luke G sagt:

    Bei der LR arbeiten zu müssen sollte Strafe genug sein.

  • Andreas Forrer sagt:

    Dieser Bericht könnte auch heissen: Beobachtungen eines Teutonen mit Tüte im Schweizer Öv.

  • Ladina Z. sagt:

    Lieber Herr Frenkel. Ich schätze Ihre Artikel ausserordentlich! Aber noch viel schöner finde ich die Kommentare dazu. Herrlich.

  • Michael sagt:

    Wäre diese Kolumne ein Auto, sie müsste ein Fiat Multipla sein.

  • Claude Fontana sagt:

    Nicht das Beste was Sie je geschrieben haben, aber ich wär nach diesen Zugfahrten auch nicht toll drauf. Gute besserung(der Laune)

  • Heinrich Brunner sagt:

    Sorry, lieber Herr Frenkel, aber ich habe mich schlappgelacht … Des einen Leid ist eben noch immer des andern Freud. Ich kann Ihnen nur empfehlen, in die 1. Klasse zu wechseln. Dort hocken in der Regel weniger Studenten mit «Schnurepfluderi» – dafür aber SEHR WICHTIGE Damen und Herren, die mit ihren Laptops fast pausenlos Powerpoint-Präsentationen und Excel-Sheets komplettieren. Das lässt sich aber vermutlich besser ausblenden. Oder Sie bleiben in der Pendlerhölle der 2. Klasse und amüsieren uns weiter mit Ihren Beobachtungen …

  • Heidi Merz sagt:

    Bin ich die einzige, der das „dicke Kind mit Pommes“ aufstösst? Angenommen, das Kind erfährt davon oder die Mutter/der Vater liest diesen mediokren Text. Ist dieser für die und andere dicke Kinder resp. deren Eltern nicht verletzend? Muss man sich über schwächere lustig machen? Wäre von einem dünnen Kind die Rede, wäre das Bild ja nicht mehr „lustig“…

    • Danielle sagt:

      Der Text ist nicht medioker, er ist für Schweizer Verhältnisse sogar relativ witzig und ja – man darf auch mal die Dinge beim Namen nennen. Ich bestaune jeden Menschen, der es schafft, in der Schweiz als Pendler ohne Magengeschwür zu überleben.

    • Jean-Pierre sagt:

      Vermutlich schon. Und vielleicht existiert das dicke Kind mit den Pommes plus Eltern gar nicht. Herr Frenkel ist auch dick, das geht aus seinen tollen Texten hervor. Ich will aber nicht die Tollen diskriminieren. Kennen Sie denn keine Minderheiten, die Minderheitenwitze vortragen oder Witze über Minderheitenwitze machen? Das Problem würde ich so lösen: Dicke und Tolle neben den anderen auf dem H&M-Plakat in der Europaallee und Bhf-Strasse und vor dem CL-Final, dann sind die auch normiert (dh fällt niemandem mehr auf).

    • Christina sagt:

      Liebe Frau Merz
      Wissen Sie, was medioker überhaupt bedeutet? Und in welchem Zusammenhang steht Ihre Wertung zur Beschreibung eines dicken Kindes mit Pommes?

      • Heidi Merz sagt:

        Liebe Christina, ja, ich weiss es, sonst würde ich das Wort nicht verwenden. Wissen Sie es auch? Zum Zusamnenhang: Meine Kritik beginnt bei der allgemeinen Mittelmässigkeit des Textes und wendet sich anschliessend der spezifischen Abgelutschtheit eines bestimmten verletzenden Klischees zu.
        Reicht Ihnen das als Erläuterung oder hätten Sie gerne eine Zeichnung? Ich kann sonst auch eine Powerpoint-Präsentation nachreichen.

    • Peter Huber sagt:

      @Heidi Merz: Herr Frenkel macht sich regelmässig über übergewichtige Mitmenschen lustig, so auch vor ein paar Tagen im Tagblatt. Und so etwas als Lehrer.

  • Peter sagt:

    Wow, diese Probleme hätte ich auch gerne.

  • Pedro Riengger sagt:

    Darum fahre ich Auto. Da zieht auch niemand auf dem Beifahrersitz die Schuhe aus, um seine stinkigen Füsse hochzulagern etc. Und wenn ich im Stau stehe, vergegenwärtige ich mir einfach solche Begegnungen, höre unbelästigt (und ohne selbst jemanden zu belästigen) meine Lieblingsmusik und alles ist gut …

  • Jean-Pierre sagt:

    Wenn ich das so lese (und den Eindruck hatte ich schon lange), dann ist im heutigen Kapitalismus nicht mehr die Arbeit schwer schädigend (zumindest in unseren Breitengraden), sondern die soziale Umgebung, d.h. die Menschen, mit denen man während der Arbeit, Arbeitsweg, Büro, Zmittag, usw. zu tun hat. Deswegen habe ich heute morgen versucht, mir im Wald ein neues Leben aufzubauen. Vergeblich, ich traf da lauter Menschen, die dasselbe versuchten, der ganze Wald war proppenvoll, es stank nach Urin, Geschrei, die Klimaanlage funktionierte nicht, viele assen Pommes-Frites, keiner wollte teilen, usw. Deswegen sitze ich jetzt wieder in meinem Zimmer und schreibe diesen Kommentar an den Bildschirm. Was mache ich jetzt?

    • Pedro Riengger sagt:

      Gehen Sie tiefer in den Wald. Die meisten Leute bewegen sich kaum mehr als 100 Meter vom parkierten Auto weg, um ihren Grill aufzubauen, die ihr Smartphone verstärkenden Boxen anzuwerfen, zu «chillen» (wie ich schon diesen Ausdruck hasse) und danach eine Tonne Abfall zu hinterlassen.

  • Bebbi Fässler sagt:

    Solange das laute Getue nicht im nach 06 Uhr Zug von Hinterwo nach Zürich Hauptbahnhof Wo erfolgt lässt mich das kalt!

  • Maike sagt:

    Lese ich den Artikel kommt mir als erstes die Frage in den Sinn – ist der Author vielleicht stumm ? Nur so kann ich es mir erklären, das er die beiden Studentinnen nicht um eine Mässigung ihrer Lautstärke gebeten hat. Muss man mal versuchen, die meisten reagieren sogar ganz vernünftig.
    Und bei Vater Mutter Kind – was da stören soll ist für mich nicht ersichtlich. Schliesslich hat des pommesessende Kind die Hände brav an der eigenen Kleidung und nicht am Sitz abgewischt. Jetzt wäre die zeitung doch perfekt – man kann sich dahinter verstecken und mus das Kind nicht ansehen.
    Ganz hinten in meinem Kopf taucht der Verdacht auf, das der Author vielleicht der Vater sein könnte – aber dann taucht der Verdacht auch gleich wieder unter.

  • Reto Conrad sagt:

    Tja, geht mir ähnlich, wenn ich solchem „Bildungs-“ bürgernachwuchs gegenübersitze. Ich muss dann immer schmunzelnd an die Jammertiraden in den Medien denken, wonach Matura und Mittelschulprüfungen viel zu schwer seien und wir unbedingt mehr Akademiker bräuchten. Dabei hat man den Anspruch der akademischen Lehre ja schon auf die „Ey alder ich schwör“ Klientel angepasst.

    • Pedro Riengger sagt:

      Woher wissen Sie, dass es sich um Bildungsbürgernachwuchs handelt? Das Klischee vom dicken Kind mit Pommes zeigt doch eigentlich eher in die andere Richtung. Aber jedem sein Vorteil. Und setzen Sie sich doch mal hin und bestehen Sie ohne Vorbereitung eine aktuelle Gymiprüfung. Lässt sich im Internet runterladen …

      • Christina sagt:

        Mann, lieber Riengger, haben Sie Probleme… Zum Glück aber auch, sonst müssten Sie ja welche erfinden!

      • Gabriela sagt:

        Wieso Sie jemanden auffordern, sich unvorbereitet an die Gymi-Prüfung zu wagen, erschliesst sich mir zwar nicht. Aber wenn Sie sich über das Bildungsniveau anderer Leute mokieren wollen, sollten Sie sicherstellen, dass Ihr Kommentar makellos ist. Ich nehme an, Sie meinen Vorurteil…

  • Hans Hasler sagt:

    l’enfer c’est les autres.

  • Elias Truttmann sagt:

    Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Es gibt eine Lösung für dieses Problem. Die ist allerdings kostenpflichtig und nennt sich 1. Klasse. Die Dichte an Studentinnen und dicken Kindern ist dort wesentlich geringer. Man muss sich ja nicht gleich das Jahresabo gönnen, ein Klassenwechsel an Tagen, an denen das Idioten-Kontingent schon bei der morgendlichen Hinfahrt erreicht wurde, tut’s auch.

  • Dani sagt:

    Mir hilft: If you don’t like what you see here: get the funk out! (Extreme)
    https://www.youtube.com/watch?v=NrfH6MFTt2k

    Im Zug leider nur mit Handy und Kopfhörer zu geniessen.

  • Max Meier sagt:

    Kriegt man für solche Geschichten Geld?

  • Markus Schwager sagt:

    Herr Frenkel, vielen Dank für den witzigen Beitrag, you made my day!
    Aus diesem Grund sitze ich lieber im Auto und nehme zwischendurch auch mal im Stau 10-15 Min. Verspätung in Kauf. Das ist ja mittlerweile auch im ÖV state of the art.

  • Martin Seiler sagt:

    Na wenigstens war es einigermassen Unterhaltsam. Bei meine Episode der schwatzhaften Jugentlichen haben sie noch einen obendraufgelegt.
    Die beiden Mädchen unterhielten sich angeregt im Buss über ihre vergewaltigte Freundin in einer Lautstärke dass der ganze Buss mithören konnte.
    Einer der danebenstehenden Passagiere ging dann auf die beiden ein und meinte mitfühlend „das sei ja wirklich grauenhaft was ihr da passiert sei“.
    Mit dem Erfolg, dass die beiden Mädchen verbal auf den älteren Herrn losgingen und ihm sagten dass ihn das nichts angehe.
    Mich hats vor Lachen über die Dummheit der beiden Mädchen derweil fast verjagt.

  • Thomas Kipfer sagt:

    Wenn das Ganze in einer atmosphärischen Sprache verfasst wäre, hätte ich vielleicht schmunzeln können. Als rohe Fakten kommt das alles jedoch ziemlich trocken rüber. Der Lacher will nicht raus.

  • Robert Bührer sagt:

    Herrlich strapazierend für meine Lachmuskeln!

  • Roger Gut sagt:

    Beim Erblicken des Titels habe ich mich auf eine lustige Geschichte gefreut. Was ich lese, sind banale Beobachtungen, die keine Zeile wert. Sorry!

    • Philipp M. Rittermann sagt:

      doch – sorry – ….der artikel zeigt exemplarisch auf, wie banal unsere wohlstandsdegenerierte gesellschaft geworden ist. fuck!

Kommentar

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