Freie Sicht auf Vrenelisgärtli

In Zürich wird weiterhin auf ein neues Fussballstadion gewartet. Dem Stadionprojekt fehlt ein Götti, ein glaubwürdiger Politiker, der das Projekt durchbringt.

So soll es auf dem Hardturmareal ab 2021 aussehen: Die beiden Türme (rechts) mit 600 Wohnungen werden «normal» vermietet, die 174 gemeinnützigen Wohnungen (links vom Stadion) von einer Baugenossenschaft. (Visualisierung: nightnurse images, Zürich)

Nach der WM werden wir zurück sein im Letzigrund, durch das ein kalter Wind pfeift, und wenn man in der Kurve steht, sieht man kaum über den Kopf des Vordermanns. Vor 15 Jahren haben die Zürcher über ein neues Stadion abgestimmt, es war ein kühner Entwurf, die Mehrheit der Bevölkerung war dafür. Man kennt die Fortsetzung.

Schaut man sich die Stadionprojekte der Jahrtausendwende wieder an, staunt man über die Fantasie, die Unschuld, die Freiheit. Städte wetteiferten mit Vorzeigebauten, man sprach von Leuchtturmarchitektur. Auch Zürich wurde vom Rausch erfasst, die Europameisterschaft 2008 stand vor der Tür.

Damals war Zürich in Sachen Fussball wie eine englische Stadt. Die beiden Vereine hatten ein eigenes Stadion, zusammengebastelt, historisch gewachsen. Das Problem war, dass sie nicht mehr in die Zeit passten, Länderspiele wurden nicht mehr organisiert, die Stadien waren zu klein, der Rasen dürftig. Deshalb wurde ein luxuriöses Heim für beide Vereine herbeifantasiert, das war die naive Vorstellung. Auch ich habe so gedacht, obwohl einige Freunde sagten: Vergiss es, das ist zu gross, zu ambitiös. Verhindert wurde es dann durch den Widerstand des Quartiers.

Dabei hätte das Stadion die Stadt wenig gekostet, treibende Kraft war die Credit Suisse. Das Projekt passte politisch in die ersten Nullerjahre, die grosse Zeit der neuen Sozialdemokratie, inspiriert vom englischen Premier Tony Blair, es war die Vorstellung vom «dritten Weg», dass sich moderner Kapitalismus und soziale Gerechtigkeit mit einer geschickten linken Verwaltung auf einen Nenner bringen lassen.

Zehn Jahre später kam ein neues Projekt an die Urne, abgespeckt, unabhängig von einer Grossbank. Es wurde knapp abgelehnt. Waren es die gut 200 Millionen Franken, die das Stadion die Stadt gekostet hätte? Oder der Widerstand der Fans von GC und FCZ, die kein gemeinsames Stadion wollen?

Jetzt steht ein neues Projekt bereit, ein Stadion und zwei Wolkenkratzer, höher als der Prime Tower. In Höngg wetzen sie die Messer, angeführt vom Heimatschützer Marcel Knörr und dem ehemaligen NZZ-Journalisten Felix E. Müller, weil die Aussicht auf das Vrenelisgärtli bedroht sei. «Gegen die beiden hast du keine Chance», sagt ein Kantonsrat der Linken, «die werden dich erdrücken mit einer Prozesslawine.» Dem Stadion fehle ein Götti, sagt er, ein glaubwürdiger Politiker, der das Projekt durchbringe. Der Stadtrat, sagt er, interessiere sich wenig für Fussball. «Fussball schafft kein Gemeinschaftsgefühl wie in Bern oder Basel. Zürich hat den Fussball nicht nötig, in Zürich gibt es tausend Identitäten.»

Und so warten wir auf unser Stadion, während auf den Fussballfeldern draussen in den Quartieren unzählige Secondos als Juniorentrainer die Integrationsarbeit verrichten, Ex-Italiener, Ex-Spanier, Ex-Jugoslawen, damit wir in vier Jahren wieder träumen können in den Fussballbars.

7 Kommentare zu «Freie Sicht auf Vrenelisgärtli»

  • sepp z. sagt:

    Hätte die CS damals nicht vorschnell mit $-Zeichen in den Augen das bestehende Stadion abgerissen. Mit Ausnahmebewilligung einer den Grossbanken gegenüber devoten Stadtverwaltung und Politik.
    Dann hätten wir heute noch ein Stadion, das schon lange abbezahlt und entsprechend günstig war.

  • Hans Hasler sagt:

    Auf die Arbeit der Juniorentrainer hat so ein Stadion doch gar keinen Einfluss. Oder ist das einfach ein völlig unnötiger unzusammenhängender letzter Satz im Beitrag?

    • sepp z. sagt:

      95% aller Nati-Spieler spielen eh nicht in der Schweiz, sondern in der BuLi, in England, Italien etc. Die werden im Ausland integriert, haha.

  • Michael sagt:

    Ich weiss nicht was schlimmer sein kann – diese Türme oder das Stadion ! Neue Stadien baut man heutzutage seltenst in der Stadt, weil dadurch wertvoller Wohnraum vernichtet wird. Viel mehr baut man es draussen vor der Stadt, weil es da viel weniger Stress und Ärger bereitet ! Und diese Türme passen so garnicht in das Zürcher Stadtbild. Sie sind nur ein Ausdruck von diesen komischen Einstellungen der Stadtplaner die denken, je mehr Hochhäuser eine Stadt hat, desto anerkannter in der Welt wird sie sein. Reiner Humbug.
    Und haben sich die Planer auch Gedanken über die Mehrbelastung auf der Strasse und für den SBB gemacht, wenn diese neuen Menschenmassen am Morgen in ihr Auto oder die bahn springen, um zu Arbeit zu kommen ? Ab Altstetten hat’s doch heute schon kaum ein Platz in der Bahn mehr.

    • Hans-Jürg sagt:

      „Neue Stadien baut man heutzutage seltenst in der Stadt“

      aber „seltenst“ eben schon. Ausserdem wird ja nicht IN der Stadt, sondern am Stadtrand gebaut. Und da es dort schon immer ein Stadion gab und der Platz vorhanden ist, ist das der beste Platz dafür. Oder wollen sie das Stadion für die Stadtzürcher Fussballclubs in Spreitenbach bauen (oh, da hat es auch keinen Platz mehr) oder im Jura (dort hätte es noch Platz)?

      „Und diese Türme passen so garnicht in das Zürcher Stadtbild. “

      Sie stehen ja auch nicht mitten in der Stadt, sondern am Stadtrand.

      Ausserdem: wenn man damals, als z.B. das Grossmünster gebaut wurde, auch so gedacht hätte, gäbe es dieses Gebäude nicht. Das Hauser zur Maissen: passt absolut nicht zu den anderen Gebäuden. Wurde zum Gluck trotzdem gebaut.

    • Simon sagt:

      Der Prime Tower, zuvor die Hardau-Türme und noch früher, wie Hans-Jürg richtig gesagt hat, eben das Großmünster haben anfangs auch nicht in unsere Stadt gepasst, weil sie das Stadtbild verändert haben. Woran liegt es eigentlich, dass so viele Menschen Angst vor Veränderung haben? Eigentlich schade, denn diese Angst verhindert in vielen Fällen, dass wirklich Großes entsteht. Schade, dass die Zürcher SP dies nicht erkennt und stattdessen vergangenen „Blockrand“-Zeiten nachtrauert.

  • reto leuppi sagt:

    Guter Kommentar. Insbesondere auch das Erwähnen der Integrationsarbeit! Die ist prima und es gehört ein grosses Dankeschön an all die Trainer. Hätten wir nun noch ein Fussballstadion, könnten die Talente in würdigem Rahmen zeigen was sie gelernt haben. Das wäre fair. Inakzeptable Fans hin oder her (das Gewaltproblem schlummert leider an vielen Ecken).

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