Mieses WM-Virus

Verzweifelt versucht unser fussballfeindlicher Autor die böse WM zu boykottieren. Aber so einfach kommt er nicht gegen seine niederen Instinkte an.
Man kann sich kaum dagegen wehren.

Man kann sich kaum dagegen wehren.

Man kann mir nun wirklich keine Sympathien für Fussball unterstellen. Schon in der Schule gehörte ich nicht zu den Coolen, die im Fussballclub waren, Panini-Bilder sammelten oder gar Turnschuhe mit so Noppen unten dran besassen. Ich hab diesen Sport nie begriffen und ihn immer für eine dieser Schulterklopf-Männersachen gehalten, die sich meinem Verständnis total entzogen.

Tschuten war für den Mainstream, ich war im Schwimmclub, im Judo und hatte einen Bibliotheksausweis. Den gesunden Freiluft-Samstagnachmittag verbrachte ich in der Pfadi, während die Klassenkameraden auf dem Bolzplatz Bälle traktierten.

Die Aufmerksamkeit der Mädchen gehörte immer den blondgelockten Stürmern in JuventusT-Shirts und nie dem Freak mit dem verwaschenen Iron Maiden-Fetzen. Später hötterlete ich mit Sachs-Zweigang-Töffli und Lederjacke an den Waldrand, um zu kiffen, während die anderen mit einem Ciao oder einem Puch Maxi S zum Training fuhren.

Ich ging – wenn überhaupt – an Eishockey-Matches, hielt mich aber grundsätzlich von Teamsportarten fern und besass nie ein FCZ-Schal. Ich kannte (und kenne) die Spieler oder die Rangliste der Schweizer Liga (ich weiss nicht mal, wie die heisst) nicht.

Es sollte mir also nicht besonders schwer fallen, eine WM, die in einem korrupten, antidemokratischen Land stattfindet und von korrupten, geldgierigen Säcken organisiert wird, zu boykottieren.

Die ersten Tage war das auch nicht so schwer. Aber dann gewannen die Schweizer mit 1:1 gegen Brasilien. Ab da schielte ein ungehorsames Auge auf die Sportnachrichten. Als dann die Schweizer Doppeladler  gegen Serbien gewannen, verfolgte ich das Spiel heimlich auf dem Handy. Sollte mich nur ja keiner sehen. Das wär so, wie wenn man als Veganer erwischt wird, wie man sich nachts vor dem Kühlschrank einen Servelat ins Gesicht stopft.

Und heute ist es wieder so weit. Die Schweiz spielt gegen Schweden und meine dunkle Seite will diesen Match sehen, während meine lebensbejahende, positive Seite, meine vernünftige Seite ,weiss, dass die WM ein grosses Pfui ist, dem man nicht nachgeben sollte.

Ich werde wohl mit schlechtem Gewissen irgendwo in einer öffentlichen Toilette Fetzen des Spiels auf dem Handy schauen, immer darauf bedacht, mich zwischendurch wieder stoisch in der Öffentlichkeit zu zeigen, um demonstrativ desinteressiert zu sein.

Das Leben als moralisch integre Person ist hart.

11 Kommentare zu «Mieses WM-Virus»

  • Claude Fontana sagt:

    Ich sehe WMs und EMs grundsätzlich als vorbereitungsunterricht zum Nationalismus, deswegen bin ich da relativ sicher vor Fanhype. In meinem Gefahrenradar sind Skinhead und Fussbalfan nur eine Auschreitung voneinander entfernt. Ich kann mich zwar dafür entschuldigen, aber es ändert daran nichts.

    • Danilo Zink sagt:

      Claude, Du hast aber auch überhaupt keine Ahnung, was Skinheads sind. Aber mal kurz in den Dreck ziehen, bravo! Ach ja, die Fussballfans ziehst Du ja auch grad noch in den Dreck. Halte dich doch mit solchen Kommentaren zurück, bitte….

  • tina sagt:

    meine weltbewegende erkenntnis: es liegt an diesen riesen glotzen! da kommt alles viel emotionaler rüber und das reisst auch leute eher mit, die keine ahnung und kein interesse an spielregeln und -technik haben. es liegt natürlich nicht nur an der grösse der glotzen, die technik hat sich ja auf verschiedenen ebenen verbessert, diese zeitlupen aus allen perspektiven zum beispiel. bildqualität überhaupt. zoom auf gesichter und mimik (auch der zuschauer). die frisuren der spieler sieht man jetzt viel besser ;-).

  • Asta Amman sagt:

    Ein Exemplar der Weltwoche zuoberst im Altpapierstapel, Strandferien in Israel, die Böhsen Onkelz am Sonntagmorgen und die Camel Filter im Treppenhaus: Sowas muss einfach hin und wieder sein, wenn man mit moralisch hyperintegren Personen in einem Haus wohnt. Wichtig ist, dass sie vom WOZ-Abo nichts mitkriegen – wegen der Glaubwürdigkeit.

  • Francis Gabriel sagt:

    Der Öffenlichkeit ist es schnuppe, ob sich der Reda für Fussball interessiert. Soviel zur Selbstwahrnehmung. Schlimmer wie Neymar, tztz…

    • Réda El Arbi sagt:

      Hm, ist es nicht noch grössenwahnsinniger, wenn man denkt, für die ganze Öffentlichkeit zu sprechen? 🙂

      • Fabio Albanese sagt:

        nein ist es nicht, weil es nur deine fangemeinschaft interessiert, ob du fussball guckst.
        das darf ruhig ao festgehalten werden.

        • Réda El Arbi sagt:

          Nun ja, mein Blogbeitrag, meine Sicht, meine Leser.

          Aber grundsätzlich: Wer für alle Leser sprechen will, schliesst von sich auf andere.

          PS: Sprachlogik. Ich spreche von meinen Empfinden und nicht vom Interesse des Unfelds. Das macht ihr.

  • Call Me Appetite sagt:

    Iron Maiden? Du hättest Metallica-Shirts tragen sollen :-).

  • Willi Forrer sagt:

    Ha ha, hoffe Du hast ein Handy mit grossem Display – und Hopp Schwiiz..!

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    … unser kleiner don quijote. 🙂

Kommentar

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