We Löw you

Der Anti-Deutschlandreflex im Land lässt uns missgünstig und kleinlich erscheinen.
Vor zehn Jahren friedlich vereint: Deutsche und Schweizer an der EM 2008

Vor zehn Jahren friedlich vereint: Deutsche und Schweizer an der EM 2008

Da ist er wieder, der Anti-Deutschlandreflex. Der Weltmeister verabschiedet sich in der Gruppenphase und den hier lebenden Deutschen wird in Erinnerung gerufen, dass sich viele Schweizerinnen und Schweizer freuen würden, wenn sie in ihre alte Heimat zurückziehen würden.

Nicht wegen der vielen Memes, Facebook-Posts und Tweets, mit denen das Aus der Bundeself im WWW kommentiert wird. Das gehört zum Spiel, das können die Deutschen selbst ganz gut: Man erinnere sich nur an ihre witzigen Kommentare zum Scheitern der Italiener und Holländer in der Qualifikation. Nein: Wegen der feindseligen und humorlosen Kommentare unter diesen Memes, Posts und Tweets und jenen in den Kommentarspalten der Zeitungen.

Deutsche trifft man beim Wandern, in den Museen, am See und im Club. Sie interessieren sich für die Schweiz, erkunden sie gern per pedes. Man trifft sie am Arbeitsplatz, im Spital, an der Migros-Kasse und beim Autohändler. Sie sind wichtig für die Schweizer Wirtschaft, helfen mit, sie bei Laune zu halten. Auch im Nachtleben: Eventlabels wie Naturklang wurden von hier lebenden Deutschen konzipiert, beliebte Zürcher DJs wie De La Maso sind zugezogene Deutsche.

Sie reichen uns den Cocktail über den Tresen, bauen Dekos auf und wieder ab und vieles mehr. Eine der wichtigsten Inspirationsquellen des elektronischen Zürcher Nachtlebens ist sein Berliner Pendant und wöchentlich steigen deutsche DJs in den Flieger nach Zürich, um das Schweizer Publikum zu verzücken. Das Zürcher Nachtleben ohne deutsche Beteiligung wäre dünn und fade.

Vielleicht liegt es daran, dass ich erst meine Bubble verlassen musste, um festzustellen, dass der Anti-Deutschlandreflex noch immer existiert: Es gibt wohl niemanden im urbanen Schweizer Nachtleben, der nicht mit einer Deutschen oder einem Deutschen befreundet ist. Sie alle haben festgestellt, dass kein Volk dem Deutschschweizer ähnlicher ist als das deutsche. Sie sind in ihrem Umgang vielleicht offener und direkter und kultivieren im Arbeitsalltag ein strengeres Hierarchiedenken. Dennoch sind wir ihnen ähnlicher als vielen von uns offenbar lieb ist: Wir sprechen gar dieselbe Sprache, wenn auch mit holprigem Dialekt.

Deutschland ist ausgeschieden und gemäss Medienberichten fiebern nun viele Deutsche mit der Schweiz. Nicht nur solche die hier wohnen, sondern dem Vernehmen nach auch unzählige, die nördlich des Rheins vor dem Fernseher sitzen.

Vielleicht wissen sie nicht um die vielen bornierten Schweizerinnen und Schweizer, die ihnen mit Gehässigkeit gegenüberstehen. Nur weil sie noch keine Deutschen in ihrem Freundeskreis haben, da sie sich mit ihren dummen Vorurteilen diese Erfahrung selbst verbauen.

Es ist an den Aufgeschlossenen den Deutschen zu zeigen, dass ihre Sympathien für die Schweiz gerechtfertigt sind. Und jenen die hier leben, dass sie willkommen sind.

22 Kommentare zu «We Löw you»

  • Claude Fontana sagt:

    Und warum sollte uns Deutschlandfeindlichkeit aufregen? Allen anderen Migranten geht es auch nicht besser oder? entweder man ist Rassist, oder man lässt es sein. Wir kennen nur den Kantönligeist, den Röschtigrabe, das „jenseits der Alpen“ oder das“gemeinsam für mich, aber sonst bloss für niemanden“.Nicht mal eine gemeinsame sprache. Wer ausserhalb des Bündnerlandes versteht Rhätoromanisch?welcher Walliser“deutsch“? Weil wir in der Schweiz so wenig zusammenhalt an den Tag legen, Sind wir verunsichert. deswegen der Rassismus, deswegen in jeder Kantonsregierung die SVP. Deswegen das wettern gegen Links. schon verständlich. aber kontraproduktiv, wie unsere Politik.Vertrauen braucht Mut. und es wird absichtlich Angst geschürt, um neue Bündnisse zu verunmöglichen.

  • Martina Schmitz sagt:

    Lieber Herr Flach
    Danke für den Blog. Während die CH-Medien sich gegenüber Deutschland deutlich anders verhalten als früher, sind die Kommentare furchtbar, voller Hetze gegen Deutschland, ein Auffangbecken von rassistischen, isolationistischen und reflexartig deutschfeindlichen Äusserungen. Beim Überfliegen habe ich festgestellt, dass sie in diesem Bereich nichts geändert hat. Nun lese ich sie bewusst nicht mehr.
    Freundlicher Gruss

  • Jeffrey Huber sagt:

    Bei mir und meinem ganzen Kollegenkreis begrenzt sich der „Deutschlandhass“ auf den Fussball. Wenn man die hochnäsige Berichterstattung der Deutschen sender vor der WM mitverfolgt hat, finde ich darf man auch ein bisschen Schadenfreude haben. Dasselbe ist aber auch bei anderen grossen Fussballnationen wie Spanien, Argentinien usw. der Fall.

    Noch zu deinem Argument dass Sie das Nachtleben bereichern…
    Das ist wohl deine Ansicht, viele wären froh gäbe es weniger von dieser Mucke in Zürich und dafür mehr gute Locations wie der Bogen F mit kleinen Konzerten (natürlich auch wieder Ansichtssache).

  • Dirk sagt:

    Liebe Schweizer,
    ich finde der Artikel ist sehr schön geschrieben und trifft sicher auch auf den ein oder anderen zu.
    Es kommt aber immer auf die Person an. Auch ich habe mich hier in der Schweiz schon für das Verhalten von deutschen Mitbürgern geschämt und natürlich gibt es engstirnige Schweizer, mit einer allgemein rassistischen Einstellung. Die gibt es in Deutschland aber leider auch zur genüge.
    Meist sind dieses Menschen, die grundsätzlich sehr wenige berührungs Punkte mit ausländischen Mitbürgern haben.
    Da nützt es aber als Ausländer nichts zu jammern, sondern gerade diese Menschen sollte man ansprechen und durch Wort und Tat davon überzeugen dass sie falsch liegen.
    Ich fühle mich wohl in der Schweiz und ich habe auch die schweizer Dialekte gern.
    In diesem Sinne – Hopp Schwiiz

  • urs brand sagt:

    Hin und wieder mag es durchaus so sein, dass der Deutsche in der Schweiz einen ähnlichen Status hat wie der Türke oder Pole in Deutschland.
    Aus meinem Umfeld weiss ich aber auch, dass es viele Deutsche gibt, die keine negativen Erfahrungen mit Schweizern gemacht haben. Ähnliches weiss ich auch von Farbigen Mitbürgern zu berichten, welche bis dato keinen Rassimus in der Schweiz erlebt haben.
    Andere wiederum scheinen fast täglich negative Erfahrungen zu machen – woran das wohl liegen mag?

    • Alex Flach sagt:

      Nicht jeder Ausländer ist heilig und verhält sich richtig. Gilt aber ebenso für uns Schweizer. Und manche haben Glück mit dem Umfeld in dem sie hier landen und andere nicht.

  • Silvia sagt:

    Endlich mal jemand der das Kind beim Namen nennt.
    Danke

  • Marka Dunken sagt:

    „Da ist er wieder, der Anti-Deutschlandreflex.“

    Der Text beginnt mit einer Aussage, die dann im ganzen Artikel weder begründet oder gar untermauert wird.

    Dann als Kommentar vom Autor
    „viele Bündner, Berner, etc. reagieren auf alle, deren PLZ mit 80 beginnt, zimli gehässig“.

    Erneut: Können Sie begründen, wie Sie zu einer solchen Aussage kommen?

    „Grossartiger“ Journalismus, es wird einfach ein Klischée bemüht und dann schwadroniert.

  • geezer sagt:

    schadenfreude ist halt die schönste freude! alles halb so schlimm: kleine länder auf der ganzen welt haben gewöhnlich ressentiments gegenüber den grossen nachbarn. das ist nicht weiter tragisch. ich habe mich eigentlich immer gefreut, wenn die deutschen gut gespielt haben. jetzt haben sie halt mal jämmerlich versagt, und dagegen habe ich auch nichts…:-)

    dasselbe gilt in meinem fall auch für portugal, spanien, argentinien etc……und die ’schwalbaner‘ werden ja sowieso auch bald nach hause gehen, was mich nicht im geringsten stört…….

  • Martin Frey sagt:

    Trotz einem kleinen Aufbäumen aktuell glaube ich, dass zumindest der früher verbreitete primitive Anti-Deutschland-Reflex am Aussterben ist. Klar, wie Sie sagen, ein Foppen und Aufziehen nach dem kläglichen Scheitern darf, ja muss sein, die Deutschen setzen selber dem ja allemal noch eins drauf. Und natürlich gibt es nach wie vor die unverbesserlichen, anti-deutschen Komplexhaufen, aber ich glaube, sie sind mittlerweile deutlich in der Minderheit, kristallisieren sich eher in ihrer Peinlichkeit aus der Masse negativ heraus.
    Die Deutschen selber haben in den letzten Jahren sehr viel für Akzeptanz getan, sie sind in unserer Mitte angekommen, stellen eine Bereicherung dar, und sind nicht mehr wegzudenken. Nicht nur im Nachtleben.

  • Christian Weber sagt:

    Viele Stadtzürcher sind gegenüber allen, deren PLZ nicht mit 80 beginnt, gehässig. Für Zuzüger aus dem „grossen Kanton“ wird da keine Ausnahme gemacht.

    • Alex Flach sagt:

      Der liebe Kantönligeist… der funktioniert aber auch ganz gut in die umgekehrte Richtung; viele Bündner, Berner, etc. reagieren auf alle, deren PLZ mit 80 beginnt, zimli gehässig. Ist glaubs keine reine Zürcher Krankheit.

Kommentar

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