Survival of the fattest

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung gehts um Malle-Jens, ein Hassvelo, ein Schnäbi und einen Atomknopf – vor allem aber gehts um Widerstand.

Der Ballermann auf Mallorca, wie man ihn kennt und liebt … und wie er auch zum heutigen Text passt. Foto: Keystone

Das Hocherfreuliche gleich vorweg: Dieser Text ist eine kleine Sensation! Er schafft nämlich, was derzeit kaum ein legerer Text schafft: Er kommt vollends ohne WM aus! Wäre er – also eben, dieser Text – eine Gaststube am Rande des Ballermann, würde vor seiner Tür eine schwarze Tafel stehen, auf der man in ortsüblicher Orthografie lesen könnte: «Fussball NO! Dafür lecker Körriwurscht (sharp Sossitsch) und ab 22.15: Malle-Jens live».

So, und damit möchten wir alle Lesenden, die trotz obiger Ankündigung dageblieben sind, recht herzlich willkommen heissen. Und ihnen mit dem gewinnenden Lächeln eines Verkäufers von Kenny’s Autocenter Wettingen (Sie erinnern sich? Ex-Patron Kenny Eichenberger – «Chömed sie verbii, s Käfeli go probiere; s feine, us Coschta Ricca!» – war der erste Hohepriester der Zürcher Privatfernsehwerbung und somit der Vorgänger des späteren Megastars Ernst Fischer – «Da werdet die polnische Gänsedaune und -fädere vo tote Tier gwäsche, tröchnet, entstaubt und sortiert» – von der Fischer-Bettwarenfabrik in Au-Wädenswil) ins Gesicht sagen: «Sie werden es nicht bereuen!» Dies, weil es um einen globalen Trend mit deftigem Impact auf die Gesellschaft geht. Wobei – das ist die zweite kleine Sensation dieses Textes – Zürich am Ende des Tages (beziehungsweise dieser Kolumne) mal so richtig gut wegkommt. Aber alles gemach der Reihe nach.

Diese beginnt beim O-Bike, einem der zehn hässlichsten Fahrräder, die seit dessen Erfindung anno 1850 fabriziert wurden. Nicht mal unsere geschmacklosesten Bürger hätten je nach diesem Monster gerufen, gleichwohl entstellten im letzten Sommer gleich Hunderte das Stadtbild. Weil es der Sharing-Bike-Konzern aus Singapur so wollte, und weil es in Zürich keine Regelung gab, die das untersagte.

Es war ein Paradebeispiel für das heute gängige Gebaren von mächtigen Gestalten und deren Organisationen. «Survival of the fittest», also evolutionäres Anpassen im Geiste Darwins? Gähn, das war einmal. Das zeitgeistige Update lautet: «Survial of fattest», also egozentrisches Verdrängen im Kleingeiste Trumps (wobei «fett» im übertragenen Sinn auch für arrogant, grob, hinterhältig, ignorant, laut, rücksichtslos und so weiter steht)! Bildlich gesprochen – zu Darwins Zeiten war der Primat mit dem agilsten Schnäbi der Chef im Rudel, heute ist es derjenige mit dem grössten Atomknopf. Diese Tendenz ist überall spürbar, selbst Zürichs selbst ernannte Lokalkönige machen nicht selten den Eindruck, als müssten sie sich einen Dreck um anderer Befindlichkeiten scheren.

Allerdings funktioniert das hier nicht so wirklich, weil uns der allgemeine Wohlstand einen sozialen Snobismus ermöglicht. O-Bike? Liessen wir so lang links liegen, bis sie aufgaben. Wird ein Szeni in einer Szenebeiz abschätzig bedient? Easy, in drei Wochen geht die nächste auf. Und stellt ein Medienunternehmen den Prof… ach, ich höre grad, das Korrektorat brauche dringend den Text, die wollen nach Hause. Sorry.

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