Armut statt Sozialhilfe?

Unser Autor, selbst ehemaliger Sozialfall, schüttelt den Kopf: Junge und Migranten unter die Armutsgrenze drücken, um sie so stärker zu motivieren - das ist der Sparansatz einer SVP-Gruppe.
Sozailhilfe: Ein Leben in Scham und nicht Abzocke.

Sozailhilfe: Ein Leben in Scham und nicht Abzocke.

Die Zürcher SVP will die Sozialhilfeleistung für Junge und Migranten drastisch kürzen. Das soll gegen Sozialschmarotzer helfen und die Leute motivieren, sich wieder in die Gesellschaft – in erster Linie in den Arbeitsmarkt – zu integrieren. Sie denken, damit könne man Leute davon abhalten, überhaupt erst in die Situation zu kommen, Sozialhilfe zu beziehen. Es ist völlig klar, dass keiner dieser grossen Sozialreformer der SVP selbst jemals in der Situation war, Sozialhilfe annehmen zu müssen.

Als ich Ende Neunziger Sozialhilfe beziehen musste, lebte ich in einer Mischung aus Scham und Minderwertigkeitsgefühl. Und es ging und geht jeder/m einzelnen SozialhilfebezügerIn, den/die ich kenne, so. Wirklich niemand hat den Lebensplan «Ich werde jetzt Sozialschmarotzer und nutze den Staat aus». Die Abwertung, die man von anderen und auch von sich selbst spürt, wenn man nicht fähig ist, für seinen Unterhalt selbst aufzukommen, führt nicht selten zu Depression und Krankheit.

Ich hätte damals übrigens jeden Job gemacht, den man mir angeboten hätte. Nur war ich physisch und psychisch nicht in der Lage, Arbeitstage durchzustehen. Ich hatte es immer wieder versucht.

Die SVP-Antisozialsparer gehen untergründig immer noch davon aus, dass Sozialhilfebezüger, wenn sie jünger sind (und komischerweise auch, wenn sie nicht in der Schweiz geboren sind), grundsätzlich den Staat betrügen und nicht arbeiten WOLLEN. Und dass man sie mit weniger Geld dazu zwingen könne, wieder einen Einstieg in die Gesellschaft zu finden. Wie das gerade bei Jungen und Migranten, beides nachweislich Gruppen, die sowieso schon von der Hoffnung auf ein besseres Leben, der Verwirklichung ihrer Träume, angetrieben werden, funktionieren soll, ist mir schleierhaft.

Die Wahrheit ist, dass man gerade junge Menschen isoliert, wenn man ihnen nicht genug Geld gibt, um auch an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Wenn man Menschen in einer reichen Gesellschaft in die sichtbare Armut zwingt, ist das keine Motivation, sondern eine zusätzliche Strafe für Leute, die schon so am Rand stehen. Die Scham wird grösser, wenn man bei jedem Kaffee, den die Freunde trinken gehen, abwinken und nach Hause gehen muss. Irgendwann geht man gar nicht mehr raus.

Denkt man den Ansatz der Sozialabbauer zu Ende, müsste man eigentlich jeden Arbeitslosen erst mal hungern und in Fetzen rumlaufen lassen, um ihm die richtige Motivation zu liefern, sich wieder einen Job zu suchen, bevor er ausgesteuert ist.

Das ist nicht nur zynisch, es funktioniert auch nicht.

Sozialhilfe ist kein Almosen, damit sich jemand gerade so über Wasser halten kann. Sozialhilfe ist zum Einen eine Garantie, auch menschenwürdig (!) und gesellschaftsfähig zu leben, wenn man dies aus eigener wirtschaftlicher Kraft nicht mehr kann. Und zum Anderen soll es die Möglichkeit bieten, soweit am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, dass man zur Arbeit und Würde nicht auch noch alle sozialen Kontakte einbüsst. Die sind nämlich notwendig, um sich wieder zu integrieren.

Und, ob es uns passt oder nicht: Es gibt immer einen Anteil an Menschen in einer Gesellschaft, die den Anforderungen nicht genügen können. Diese Menschen trotzdem in Würde leben zu lassen, nennt man «Zivilisation». Die wird nämlich daran gemessen, wie eine Gesellschaft mit ihren Schwächsten umgeht. Und nicht daran, was für Steuergeschenke sie ihren Reichsten macht.

Ich hatte damals Glück. Unsere Solidargesellschaft half mir, mit einem minimalen Lebensstandard und teurer Therapie, wieder einen Einstieg zu finden. Hätte sie das nicht gemacht, wär ich heute wohl tot.

Und ja, das wär sicher billiger gewesen.

Kommentarfunktion deaktiviert.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.