Es war einmal ein brauner Tresor

Daraus liesse sich eine gute Kurzgeschichte machen - wäre man kein verklemmter Schweizer, der vor allem Angst hat.

Was hat ein Tresor mit der Rekrutenschule zu tun? Vielleicht nichts – vielleicht viel. (Foto: Adrian Moser)

An der Rieterstrasse befindet sich auf dem Trottoir ein grosser, brauner Tresor. Seit zwei Jahren, mindestens. Ich fahre jeden Tag an dem Tresor vorbei und stelle mir jedes Mal die Frage: «Warum steht da ein grosser, brauner Tresor?» Ich weiss nicht, ob der Tresor leer ist und ob man ihn öffnen kann. Ich bin ja ein verklemmter Schweizer, der vor allem Angst hat.

Der braune Tresor wäre allerdings eine gute Ausgangslage für einen Kurzgeschichten-Wettbewerb. Als ich jung war und noch nicht meine Riesenerfolge feiern konnte, habe ich an Hunderten dieser Kurzgeschichten-Wettbewerbe teilgenommen.

Nicht ein einziges Mal habe ich gewonnen. Aber ich weiss genau, wie man so einen Wettbewerb aufgleist: «Schreiben Sie eine Kurzgeschichte zu obigem Thema. Beschreiben Sie, welche Gefühle der braune Tresor in Ihnen weckt. Hauptpreis: 100 Franken. Die zehn besten Beiträge werden ausserdem an den 14. Adliswiler Kulturtagen von einem Schauspieler vorgetragen!»

Warum habe ich nie gewonnen? Wahrscheinlich weil ich männlich, jung und Single war. Da denkt man nur an Sex. Ich konnte damals keinen geraden Satz denken, geschweige denn schreiben. Leider landen die Textbeiträge bei 60-jährigen Kulturschaffenden. Die wollen Gefühle und keine Sadomaso-Geschichten im Tresor.

Heute geht es mir viel besser. Ich denke kaum noch an Sex. Das liegt weit in der Vergangenheit zurück. So wie die Rekrutenschule, die Maturaprüfung oder das letzte Mal, als ich ein Buch zu Ende gelesen habe.

Das war ein Band von Johannes Mario Simmel. Leider gibt es immer noch viele Menschen, die mir Bücher schenken. Früher war ich noch höflich und sagte Danke. Einmal habe ich als Volontär auf einer Redaktion gearbeitet – für 1500 Franken im Monat. Am Ende meines Volontariats haben die normal verdienenden Redaktoren Geld zusammengelegt und mir zum Abschied einen 100-Franken-Gutschein geschenkt. Einlösbar bei Orell Füssli. Heute bin ich nicht mehr höflich: Schenkt mir eine DVD! Schenkt mir Schokolade! Kein Buch!

In der Jugendherberge von Wollishofen steht neben der Toilette ein Schrank mit Büchern. Vor einem Jahr habe ich zwischen zwei Werke einen Fünfliber gesteckt. Die Münze befindet sich immer noch dort. Ich überprüfe das einmal im Monat.

Das letzte Mal lag neben den ungelesenen Büchern ein Tourismusführer über Zürich. Damit sich die Touristen mit den Eingeborenen verständigen können, waren acht «typical Swiss German words» aufgeführt. Zwei davon sind Entschuldigungen: «ent-shooldigoong» und «es-gewsi».

Ich finde aber, wer sich zu viel entschuldigt, kommt im Leben nicht voran. Manchmal muss man sich etwas trauen. Zum Beispiel diesen geheimnisvollen Tresor aufzubrechen oder ein geschenktes Buch gleich aus dem Fenster zu werfen.

3 Kommentare zu «Es war einmal ein brauner Tresor»

  • Hemi Dreher sagt:

    Ist Saldo-maso nicht gerade in? Das könnte doch eine Geldmaschine sein, ein Saldo-maso Roman von Beni Frenkel. Also ich würde ihn kaufen, Ehrenwort! Jüdischer SM gespickt mit Helvetismen, um der Sache noch ein bisschen zusätzliche Würze zu verleihen. Für die Idee nehme ich dann 10%, lieber Beni!

  • Jean Jury sagt:

    Was den Kurzgeschichtenwettbewerb betrifft, haben Sie noch den Pavlov-Hundesatz vergessen [Jurybericht]: „Die Autorin will nicht moralisieren, sondern provozieren, kritische Fragen stellen und neue Sichtweisen eröffnen“. Ich hab mir schon überlegt, diesen Klassiker des schlechten Geschmacks überall hinzusprayen, Europaallee, UBS, Brockenhaus, Kreis 7, Bild im Kunsthaus und bei Sothebys, Mörsergranaten, Kartoffel in der Migi, Hochfrequenzhandel, usw usw, einfach überall, frei nach Gusto. „Autorin“ wäre durch die jeweiligen Orte/Gegenstände zu ersetzen, nach Belieben. Im Moment trage ich T-Shirt und Socken, wo der Satz drauf steht, im Fall der Socke: „Die Socke will nicht moralisieren, sondern provozieren, kritische Fragen stellen und neue Sichtweisen eröffnen.“

  • Claude Fontana sagt:

    Hahaha, ich organisiere sofort einen Überfall auf die Bibliothek der wollishofer Jugendherberge. Sie sollten keine Schatzkarten veröffentlichen, von dem geld kaufe ich mir dann uhm, ähm, Süssigkeiten.(oder sowas).

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