Unser Pitbull in Russland

Alle fiebern der WM entgegen und «ihrem Hund, der für die eigenen Farben kämpft». Am lautesten die, die gar nicht dabei sind.

Am Tag des WM-Finals wird die ganze Stadt am Ring stehen. Public Viewing auf dem Idaplatz während der WM 2014. (Foto: Sabina Bobst)

Kürzlich war ich im Saatlenquartier in Schwamendingen, wo ganze Häuserzeilen abgerissen werden, um Platz zu machen für die Überdachung der Autobahn – es sieht aus, als wäre ein Tornado durchgefegt. Es war ein sonniger Vormittag, in einer Pizzeria trank ich ein Wasser, die Tische waren für das Mittagessen gedeckt.

Vor dem Eingang stand ein Biertransporter, die Stimme des Fahrers hallte durchs Lokal, «Wo ist Italien heute?», rief er. «Ihr seid nichts mehr.»

«Was ist mit den Türken?», schrie der Wirt zurück, beide sprachen gebrochen Deutsch. «Ihr seid nur noch fünftklassig», rief er, «alles korrupt. Sogar den Meistertitel kann man kaufen bei euch!»

«Wo ist Milan, wo ist Inter?», entgegnete der Bierchauffeur. «Eure Mannschaften sind nichts mehr wert.» «Und die Roma?», ereiferte sich der Wirt. «Was ist mit der Roma? Du hast keine Ahnung, du Usländer!»

Der Bierfahrer startete schon den Motor, als ihm der Wirt nochmals «Usländer» nachrief. «Das kannst du nicht machen», ermahnte ihn die Wirtin hinter der Theke, «so kannst du nicht reden. Er versteht deinen Humor nicht.» «Wir haben doch nur gescherzt», murrte der Wirt in seinem süditalienischen Dialekt: «Und überhaupt, in meiner Beiz rede ich, wie ich will.» «Aber nicht so», sagte die Wirtin, «ich mach das nie.»

Ich machte grosse Ohren, und mir schien, als sei ich mitten in einem Roman gelandet, draussen in Schwamendingen, als sei im kurzen Wortwechsel des Wirtepaars die Geschichte ihrer Pizzeria enthalten, ihre ewigen Diskussionen darüber, ob man die Gäste vor den Kopf stösst. Der Widerspruch zwischen Anpassung und Eigensinn. Die Rollen waren klar verteilt, der Wirt war der alte Querulant, die Wirtin die Vernünftige. Ich fragte mich, wie viele Originale es gibt in der Stadt, die eine Beiz führen? Kenne ich überhaupt Wirtinnen und Wirte mit Persönlichkeit?

Aber vielleicht waren sie beide bloss frustriert, der Türke und der Italiener, weil sie an der Fussball-WM nicht dabei sind. Ihre Mannschaften schieden aus, die beiden stehen am Ring, aber «da ist kein Hund, der für unsere Ehre kämpft», wie es ein früherer amerikanischer Aussenminister formuliert hat, als ihn Präsident George Bush fragte, ob sich Amerika im Jugoslawienkrieg einmischen soll: «Nein, halten wir uns da raus, we have got no dog in this fight», sagte er, in Anspielung auf die blutigen Preiskämpfe der Pitbulls. Und so könnten sich beide einen schönen Sommer machen, der Italiener und der Türke, statt niedergeschlagen zu sein.

Während die halbe Stadt ins Delirium abtaucht, könnten sie gegen den Strom schwimmen, auch ich würde am liebsten Putins WM ignorieren. Darum haben alle meine Sympathien, die bereits ausgeschieden sind, Italiener, Türken, Holländer, Albaner. Aber eben, es wird kein Entrinnen geben, genau das Gegenteil wird passieren. Niemand wird zurückbleiben, alle werden sich verbrüdern, und am Tag des Finals wird unsere ganze Stadt am Ring stehen, und jeder wird den Hund anfeuern, der für seine Farben kämpft, everybody has got a dog in the fight. Putin wird lächeln.

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