Sturm im digitalen Wasserglas

Das Nachtleben eignet sich hervorragend, um virtuelle Prügeleien in den sozialen und digitalen Medien anzufachen. Am Ende ist alles nur heisse Luft.
Früher an der Chilbi gabs krassere Zwischenfälle ohne mediale Begleitung.

Früher an der Chilbi gabs krassere Zwischenfälle ohne mediale Begleitung.

In den vergangenen Wochen gab das Nachtleben viel Anlass zu hitzigen Diskussionen in den sozialen Medien. Zum einen wegen eines Bundesgerichtsentscheids, das die Installation einer Gartenwirtschaft mit 70 Sitzplätzen in einem Innenhof an der Langstrasse verbietet.

Zwei Anwohner haben erfolgreich dagegen geklagt. Marcel Bührig vom Verein Pro Nachtleben Zürich befürchtet nun einschneidende Folgen für die Bar- und Klubbetreiber. Im Interview mit der NZZ liess er sich gar zur Aussage hinreissen, dass dem Zürcher Nachtleben das Aus drohe – da dürfte gar der an die Wand gemalte Teufel verwundert die Augenbrauen hochgezogen haben.

Die Forenlager waren schnell aufgeteilt: Das eine vertrat die Ansicht, dass man aufs Dorf ziehen soll, wenn Ruhe das wichtigste Merkmal für Lebensqualität sei. Das andere war der Meinung, dass sich die «heutige Jugend» einfach nicht zu benehmen wisse. Die Contenance wurde nicht lange gewahrt.

Dann war da noch der, teils beschämende und teils lustige, Zwischenfall auf dem Dach des Quai 61: Ein paar Hitzköpfe, eine fliegende Wasserpfeife und schon haben sich die Redaktoren des Blick und des 20minuten die Fingerkuppen wundgetippt. Am Ende war es der Blick der triumphierend verkünden konnte, den Shisha-Fluglehrer ausfindig gemacht zu haben: Memo H. (29) über die Massenschlägerei im Quai 61: «Darum schmiss ich die Shisha».

Für all jene die diesen Beitrag nicht gelesen haben: Irgendwas mit «glühende Kohle auf nackten Füssen» und «ich hatte Angst um mein Leben». In den Kommentarspalten unter den Beiträgen wurde das Problem schnell bei der ethnischen Zugehörigkeit der an der Prügelei Beteiligten verortet, mit der Schlussfolgerung, dass die Linken an allem schuld seien. Sind sie in diesen Foren eigentlich immer.

Als ob dies noch nicht genügend Stoff für emsige Meinungs-Deponierer gewesen wäre, hat das Street Parade-Komitee auch noch sein diesjähriges Motto (Culture of Tolerance) und seine neue Hymne (Rigpa von Animal Trainer) kommuniziert. Zwei zuverlässige Trigger für stundenlang andauernde Foren-Scharmützel, während derer sich die verfeindeten Lager im Stakkato mit Despektierlichkeiten und Beleidigungen bombardieren. Auf dem Schlachtfeld zwischen den Schützengräben rennen derweil Streitschlichter herum, die nichts erreichen, ausser sich früher oder später selbst ein paar Kugeln einzufangen.

Es existiert die Ansicht, die sozialen Medien können gewisse Aspekte eines realen Soziallebens ersetzen. Wer sich einmal ausgiebig an einem Online-Hickhack beteiligt hat und danach zufälligerweise in einer Bar auf ein paar Leute getroffen ist, mit denen er sich zuvor auf Facebook aufs heftigste gekloppt hat. Nur um dann festzustellen, dass sich der virtuelle Zwist im realen Leben mit einem Bier und einem breiten Grinsen ganz einfach wegwischen lässt … der weiss, dass das Mumpiz ist.

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